Dienstag, 05.04.2011
Gerhild M. Kreutziner: Meine Haut erinnert sich der deinen
Der Titel „Meine Haut erinnert sich der deinen“ verrät es
deutlich genug, dass hier Liebesgedichte vorliegen. Sie stammen von Gerhild M.
Kreutziger, und Margot Schönherr hat zu diesem quadratischen Geschenkband die Illustrationen
beigesteuert. Und das Titelgedicht macht auch gleich deutlich, dass es um
Intimes geht:
Meine Haut erinnert sich der deinen,
holt aus dem tiefsten Innern das Gefühl hervor,
von dir berührt zu werden.
Was vorliegt, ist ein Anstoss zum Sinnieren und Bedenken.
„Ich habe Angst vor deiner Angst in mir“, schreibt Gerhild Kreutziger, „Ich
habe Angst vor dir so ohne dich.“ Das sind mutige Sätze, einer Leserschaft
entgegengebracht, von der man die Bereitschaft erwartet, solches aufzunehmen
und innerlich mitzugehen. Liebe, die mehr als nur zwei erfasst? Nicht nur die
Bilder enthüllen und zeigen sich dem Fremden, auch die Texte tun es.
Ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
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Mittwoch, 05.05.2010
Roland Schaffner: Denkwürdige transkulturelle Fremdgänge
Schaffner wurde 1934 in Dresden geboren, promovierte in Vergleichender Literaturwissenschaft und wurde Mitarbeiter des Goethe-Instituts "Zur Förderung der Internationalen Kulturellen Zusammenarbeit". Sein Blickwinkel führt weit über die Literatur hinaus, hin zu Theater, Musik und vor allem zu den politischen Schauplätzen der Kultur, die sich engagiert und ihre Einsichten auch kämpferisch vertritt. "Obsessiver kultureller Fremdgänger" ist wohl eine zutreffende Bezeichnung für Schaffners Projektarbeit und auch für sein Schreiben.
Zeitlich erstreckt sich das Buch über die Jahre zwischen 1966 und 1999. Aufgefangen werden tiefe Eindrücke, die Schaffner aufgenommen hat zunächst in Rio de Janeiro und Salvador, dann in Kalkutta, später in Belo Horizonte, München und Bahia. Was es nicht allein schon in Lateinamerika an Kunstschaffen und an Verzweigungen gibt! Stefan Zweig war hier gelandet wie viele andere Juden auch, vergangene Nazileute ebenso. Stefan Zweig ist hier auch gestrandet, wie wir wissen, das ist beileibe nicht das einzige schwere Schicksal in diesem Buch, das sich an gewissen Stellen wie ein Aufschrei anhört.
Die Bilderauslage behält ihre Wirkung das ganze Buch hindurch. Das heisst, dass hier nicht falsch verknüpft und verklebt wird, was autonom erscheinen will. Deshalb wäre wohl "Collage" das falsche Wort, dazu ist die Intention dahinter viel zu ehrlich und hart, viel zu wenig kompromissbereit.
Aus dem Buch kann man den Schluss ziehen, dass eben die Betrachtung kultureller Vielfalt und ihrer Widersprüche sehr stark belebt. Es ist von "interkulturellem Engagement" die Rede, was natürlich seine politischen Hintergründe hat, und vom "Unterspülen der Politik", alles kritisch vor dem Betrachter ausgebreitet. Heimat verlassen, um "fremdzugehen", lautet eine der typischen Formulierungen dieses dicht bepackten Buches.
Wer mit vergleichender Kulturbetrachtung dieser globalen und komplexen Art nicht vertraut ist, dankt für die "Nachsichten", die einiges an Interpretation vermitteln. Das ganze Buch darf man als spannenden Bilderbogen bezeichnen.
Ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
Wiesenburg Verlag. Schweinfurt 2009.
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Dienstag, 04.05.2010
Johanna Kindermann: In der Kreide
Für einen Schnelldurchgang ist er nicht zu haben, der Gedichtband „In der Kreide“. Er verlangt Freude am Verweilen und Sinn für ein Auf-den-Grund-Gehen.
Johanna Kindermann, die in Wien geborene Autorin, hat mit dieser blau umfassten Gedichtsammlung etwas vorgelegt, was Betrachtung erwartet. Das konnte man bei einer promovierten Philosophin wohl auch nicht anders voraussehen. Ein Buch, das als Büchlein rasches Lesen vorgaukelt, aber in Wirklichkeit als Werk für gründliches Bedenken in die Hand liegt.
Alte schwere Worte finden sich in diesem so leichten kleinen Buch. Es wird aus alten Bottichen geschöpft und es werden Felder bestellt. Die Sprache setzt aber nicht nur Signale, verlegt nicht nur an andere Orte und in fremde Zeiten. Sie erfüllt bei Kindermann eine grundlegende Funktion. Sprache kleidet den nackten Menschen. Dem Wort ist etwas Beständiges zugedacht, vom ihm wird man überwältigt, das Wort ist etwas, was zur Innerlichkeit führt oder gar Innerlichkeit selber setzt.
„In der Kreide“ steht im landläufigen Wortgebrauch für ein gewisses In-der-Schuld-Stehen, auch wenn dieses keine dramatischen Züge trägt. Es ist wohl mehr die Schuld im Sinne einer Dankbarkeit. Von Schuldspuren ist in einem Gedicht die Rede.
„In deinen Spuren bin ich angetreten“, schreibt Johanna Kindermann in einem Gedicht, auf Giordano Bruno gemünzt. Giordano Bruno, der 1548 geboren wurde und 1600 starb, wegen Ketzerei und Magie für schuldig befunden. Es brauchte die lange Zeit bis ins Jahr 2000, um Rom zu bewegen, die Hinrichtung für Unrecht zu erklären. Dieser Dominikaner steht für Unendlichkeit und Ewigkeit, für einen Pantheismus, der keine Grenze zum Jenseits zulässt und die Anfangslosigkeit der Schöpfung wie auch deren Endlosigkeit verheisst.
Dazu, nicht zufällig, der grosse Lyriker Hölderlin. Hölderlin, der Dichter des Turms! Da wird es niemanden erstaunen, wenn die Gedichtsammlung vielerorts Entsagen, Sehnsucht und Verlangen aufscheinen lässt. Ahnungsschnur heisst es in einem Kinderlied. Aber eben: auch Kindliches, Spielerisches springt daher. Das fügt eine gewisse, ohne Zweifel willkommene Unbeschwertheit hinzu.
Die Haltung ist die der Bereitschaft. Man hört den Ton des Respekts heraus und erkennt den Weg der Nachfolge. Schauen, eine Vision, eine Deutung – etwa einer Figur –, all das lässt sich aufnehmen, wenn man bereit ist, langsamer zu werden und die Worte wirken zu lassen. „Entwerden“, was steckt allein schon in diesem knappen Verb.
Ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
Johanna Kindermann 2008
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Montag, 03.05.2010
Brigitte Kronauer: Zwei schwarze Jäger
Das Buch "Zwei schwarze Jäger" von Brigitte Kronauer ist kein einfaches Spazierbuch.
Die beiden schwarzen Jäger sind symbolbeladene Figuren, eigentlich Dublikate von Originalen in Rom, Gestalten, die mit Ketten an Löwen gebunden sind und umgekehrt. Menschen sind von Ängsten, Visionen, Utopien und Leidenschaften bestimmt, und es sind Löwen, unheimlich in ihrem Instinktverhalten.
Die Autorin bietet zwar eine handliche Aufstellung des Personaletats an, der für die Bestückung der Szenerie verpflichtet wurde. Da tauchen ausser der Schriftstellerin Rita Palka, die von Brigitte Kronauer immer wieder nach vorne geschoben wird, auch dieser Herr Schüssel auf, "Veranstalter in W.", dazu Wally, die Nichte des erfahrenen Oom Henk, oder etwa Personen aus dem Umfeld des Kurfürsten August des Starken. Aber man wird die Liste wieder beiseiteschieben wie einen Plan, der einen wirren Bazar erklären soll. Ein erklärter Bazar wird eben kein Bazar mehr sein - und ein Werk wie "Zwei schwarze Jäger" nach einer Zerlegung kein Knäuel mehr.
Wer aufmerksam aufnimmt und hinhört, vernimmt den spottenden Humor, der sich über die Episoden ausbreitet aus einer Art Schreibvergnügen heraus. Es braucht indessen einiger Bemühung, um die Regie der Autorin innerhalb dieses Werkes erkennen zu können.
Die Autorin, die im gleichen Verlag den Bestseller "Teufelsbrück" herausgegeben hat, wurde 1940 in Essen geboren und lebt heute als freie Schriftstellerin in Hamburg. Frei - das ist angesichts der Löwen und der Ketten dazwischen eine vergleichsweise kühne Behauptung. Trotzdem: Brigitte Kronauer hat bedeutende Preise zugesprochen erhalten, den Fontane-Preis Berlins wie den Heinrich-Böll-Preis, den Bremer Literaturpreis wie den Joseph-Breitbach-Preis. Vor vier Jahren hatte sie ausserdem den Büchner-Preis der Darmstädter Akademie entgegennehmen dürfen.
Die Autorin polarisiert. Wer also in einer deutschen Buchhandlung nach Kronauer fragt, bekommt sicher Auskunft - welche auch immer. Dass auch dieses Buch, "Die zwei Jäger", ungleiche Reaktionen auslöst, mehr noch: dass es höchst variantenreiche Interpretationen in Gang setzt, das liegt auf der Hand. Von der Porträtaufnahme beim hinteren Klappentext wird man wohl auf eine sehr bestimmte Persönlichkeit schliessen, aber dem steht erfahrungsgemäss ein höchst unberechenbar eigenwilliges Publikum gegenüber.
Dem widerspricht nicht, dass der Roman etwas Unentrinnbares an sich hat. Man wird ihn lieben oder hassen, man wird ihn nie unbeachtet ins Regal abschieben. Im Idealfall wird man sich die Frage stellen, wer diese Kronauer wirklich sei, und in weiteren Werken weiterlesen.
Ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
Klett-Cotta, Stuttgart 2009
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Dienstag, 06.04.2010
Martin Suter: Der Koch

Der riesige Saal in Hamburg-Altona war bis auf den letzten Platz besetzt, als Martin Suter erschien und aus seinem Roman "Der Koch" vorlas. Man lernte ihn als unkomplizierten, natürlichen Menschen voller Humor kennen, auch ausgestattet mit einer Bescheidenheit, die nicht kokettiert.
Das Buch selber führt unbeschwert durch eine eigenwillige Szenerie, die sich Suter - wie er in Altona erklärte - sehr bewusst zusammenstellte. Die Handlung konzentriert sich Maravans Love Food und baut damit eine eigene Welt auf, wie man es sich von Romanen eben wünscht. Dies alles beschreibt der auch in Deutschland vielgelesene Schweizer Autor in einer jederzeit verständlichen, nie abgehobenen und auch nie billigen Sprache. Auch hier, nicht nur in der physischen Begegnung mit seinem Publikum, bleibt Suter authentisch. Es steckt auch Politisches drin, aber der Roman wird in keiner Weise davon dominiert, es läuft wie beiläufig mit.
Spannend ist das Buch vor allem im ersten und im letzten Teil, wobei man sich im Klaren darüber sein sollte, ob in einem Suter-Roman der Handlungsstrang überhaupt so entscheidend wichtig ist. Da rücken die Personen, deren Verhalten und deren Fragen schon eher nach vorne.
Diogenes, Zürich 2010
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Philip Roth: Die Demütigung
Dieses Buch ist wahrhaftig eine Lektüre wert: Philip Roth zeichnet wie kaum ein anderer psychische Vorgänge nach und führt in seinem dreiteiligen Roman durch ein Leben bis an dessen Ende. Es ist nicht ohne Überraschungen, dieses Buch, und trotzdem verrät es von der ersten Zeile bis zur letzten einen vollendeten Spannungsbogen voll innerer Logik. Roth bleibt dran, wenn er schreibt, da verstellt kein einziges Wort die Sicht auf seine Figuren, und so bleibt man auch gerne in der Lektüre gefangen, wie man es sich bei guten Romanen wünscht.
Hanser, München 2010
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Sonntag, 14.02.2010
Hanne Oerstavik: Die Pastorin
Als die Norwegerin Hanne Oerstavik Ende 2009 in Hamburg war und bereitwillig Publikumsfragen beantwortete, konnte man eines auf Anhieb erkennen: ihre unerhört aufmerksame, feine Art, der Welt in ihr und um sie herum Worte zu geben. Das ist denn auch die grosse Stärke dieser 1969 in Vadsoe geborenen erfolgreichen Autorin.
Im Roman "Die Pastorin" sollte man denn auch nicht den Handlungssträngen nachjagen, und der Spannungsbogen findet sich nicht im Äusseren, sondern im Innern der Schilderungen. Der Tod spielt eine zentrale Rolle, auch Norwegens frühere Zeit spielt immer wieder hinein. Im Grunde aber sind es Frauenbilder, nicht die einer Emanzipations- oder irgendwelcher Zeit, sondern die des persönlichen gegenseitigen Erlebens.
Wer gerne nachsinnt und verweilt, wird diesen Roman gerne zur Hand nehmen. Wer angesichts der vielen Todessituationen einen Knüller sucht, wird meilenweit davon entfernt sein. Ein seelischer Roman, könnte man sagen.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. Originalausgabe 2004.
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Samstag, 05.12.2009
Edvard Hoem: Heimatland. Kindheit
"Heimatland. Kindheit" von Edvard Hoem ist norwegisch schon 1985 erschienen, die Deutschausgabe liegt nun mit der Insel-Ausgabe 2009 auch vor. "Mutter und Vater" jedoch erschien norwegisch erst 2006, deutsch 2007. Nach dieser chronologischen Verwirrung schaut man besonders aufmerksam auf das, was uns der 1949 geborene Norweger berichten will.
Der Alltag in der Region Molde an der Küste ist unspektakulär, um nicht zu sagen: langweilig. "Kümiland", wie es Hoem beschreibt, ist beim Wiedersehen zwar verändert, aber Freude auszulösen vermag die Schilderung nicht. Manche Formulierungen verraten leisen Humor, die Erzählweise ist einfach, vergnügt.
Trotzdem vermag das Buch einfach nicht zu packen. Es fehlt das Aufarbeiten, das Durchdringen, das feinere Beobachten. Und als Edvard Hoem am 25. November 2009 in Hamburgs Literaturhaus sprach und antwortete, blieb das Gespräch dürr und fad. Der Auftritt hinterliess den Eindruck eines Ichdarstellers ohne grosses Verständnis für das, was einen Leser ins Buch ziehen könnte. Wenn man dagegen Hanne Oerstavik hörte, die in Hamburg am selben Tisch sass und unerhört viel Leben verriet, dann mochte man mit dem Buch "Heimatland. Kindheit" getrost sagen: Dieses Buch muss niemand zwingend gelesen haben. Da hilft auch die Tatsache, dass Hoems Kopf an jenen Ibsens erinnert, nicht weiter. Da bleibt Hoem hoffnungslos zurück, und man muss es diesem Autor, der sich -zigfach auf dem Einband abbildet, auch deutlich sagen.
[Insel 2009]
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Sonntag, 29.11.2009
Arto Paasilinna: Im Jenseits ist die Hölle los
Auf dem Nachhauseweg verunglückt ein Redakteur tödlich. Arto Paasilinna, 1942 geboren, ein Bekannter unter den finnischen Schriftstellern, macht daraus eine geniale Ausgangslage für humorvolle und vor allem auch kritische Äusserungen zur Welt.
Sein Geniestreich: Er begleitet den Toten weiter. Das führt zu skurrilen Situationen, etwa im Lesesaal der Bibliothek, wo Tote unsichtbar hinter Lebenden lesen. Oder in Gesprächen mit einem Selbstmörder, in der "Beziehung" zur hübschen Mit-Toten Elsa.
Aber es wird auch kritisch dabei. Kritisch gegenüber der Kirche, die falsche Erwartungen ins Jenseits verbreitet. Als Aushängeschild dient Papst Pius IX, den Verkünder des Unfehlbarkeitsdogmas, der nach dem Tod offen bekennt, dass das Dogma nur machtpolitisch Sinn machte, sonst nicht. Theologisches Wissen, so liest man, hilft den Toten in keinem Fall weiter. Im Leben ist die Religion ein Mittel der Machtausübung, mehr nicht.
Alle suchen Jesus, jetzt taucht er auf, in Helsinki. Der Autor zitiert seine Ansprache, aber diese erscheint so banal, das das Lob des Autors darüber überaus spitzig wirkt.
Die Ausgangslage ist so dankbar, dass sich auch die finnische Literaturszene neu schildern lässt, mitsamt der Kritikerschar, die auf den Bäumen hockt. Auch die finnische Frühgeschichte ist stark präsent, einige Tote von damals sind noch da. Aber die Szenerie ist nicht rein finnisch, auch Bolivien wird thematisiert.
Besonders interessant: Auch das Totenreich kommt nicht ohne eigenen Tod aus. Die Toten "leben" nur so lange, als ihr Hirnkapital ausreicht. Und das Totenreich kennt offensichtlich die gleichen Spielregeln wie die lebende Gesellschaft, ohne geht es nicht. Tote können im Reich der Lebenden nur wenig ausrichten. Sie können aber die Träume der Lebenden beeinflussen, und sie können deren Gedanken lesen - sehr praktisch für ein herzlich vergnügtes Buch.
Der Ton ist unbekümmert leicht, der Humor liest sich einfach, oft aber auch nur im Versteckten. "Im Jenseits ist die Hölle los" ist ein fantasiereiches Buch, das über das Lesevergnügen hinaus sehr viel Anregung bietet.
[BLT, 5. Auflage 2007]
von Tobinia um # 12:44 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Dienstag, 17.11.2009
Per Petterson: Im Kielwasser
Vater und Muter sowie die zwei jüngsten Söhne sterben bei einem Schiffsbrand, die älteren beiden Söhne überleben. Alles weitere leitet man davon ab oder ergibt sich scheinbar von selbst. Den Akteur erlebt man nämlich unter einer Glasglocke, regungslos, unerreichbar wie im Traum. "Ich erinnere mich an viele Träume", schreibt Petterson. "Manchmal sind sie schwer zu unterscheiden von dem, was tatsächlich passiert. Das ist nicht schlimm. Es ist wie mit Büchern."
Die Antriebslosigkeit könnte die eines Depressiven sein, und mit ihr hat man sich als Leser erst einmal abzufinden. Die Depression als Provokation. Krank und angeschlagen, kalt und allein - ein Aufsteller ist das Buch sicher nicht, ein Gewinn aber sicher auch so.
Zur Sprache: Sie ist grossartig gelungen, wechselt situativ den Rhythmus, ist jederzeit sicher. Gelegentlich klingt sie an Klassisches an: "Es wogt und braust und ist sich selbst genug", schreibt Petterson vom Wasser unter der Brücke hindurch. Und einer, so liest man überrascht, schläft "schwer wie eine nasse Matratze".
Die "Bühne" hält für die Szenen eine relativ bescheidene Rollenbesetzung bereit. Gelegentlich taucht eine Frau auf, unschlüssig verharrt der Akteur zwischen Abwendung und Hingehen. Am Schluss reduziert sich die Personenzahl auf die beiden Brüder, die sich in eine Schlägerei verlieren. So hält einen der Roman gefangen in einer eigenen Welt. "Ich könnte natürlich ein ganz anderer sein als der, der ich bin, aber das bin ich nun einmal nicht."
[Fischer Taschenbuch Verlag 2009]
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Sonntag, 01.11.2009
Hilla Beils-Müller: Ein kleiner Spiegel
"Ein kleiner Spiegel" gehört zu jenen persönlich gefassten Büchern, die fast handwerklich daherkommen, jedenfalls nicht "industriell" abgeleiert sind. Hilla Beils-Müller, 1953 in Mayen geboren, hat jetzt Band 2 vorgelegt. Und es steckt viel liebevolle Poesie in diesen kurzen Texten. Die Verse machen deutlich, dass Liebe, Freude und Geduld wichtige Grundlagen sind für die Lebensbejahung, die hier so klar zum Ausdruck kommt. "Wer schreibt, der bleibt", erklärt Hilla Beils-Müller. "Und wer so schreibt, steckt an", möchte man ergänzen. Ausführliche Besprechung auf dem Literaturmarkt.
[August von Goethe Literaturverlag 2009]
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Dienstag, 27.10.2009
Peter Stamm: Sieben Jahre
Es ist eine ganz besondere Welt, die Peter Stamm in seinem Roman "Sieben Jahre" beschreibt. Die Ich-Figur, ein antriebsloser Architekt voller Zweifel, geht mit Sonja eine Beziehung ein. Sonja, die er zögerlich heiratet, ist die perfekte Frau, hübsch und erfolgreich, eigentlich zu perfekt. Echte Liebe gibt es da nicht, stellt der Leser fest, und er kann es nachvollziehen, wenn der Architekt auf eine Polin abfährt. Aber auch hier: keine Zuneigung spürbar. Die Frau ist langweilig, sie ärgert ihn, allerdings bietet sie ihm den Rahmen der Freiheit und völlige Hingabe. Mit ihr hat er ein Kind, Sophie, das vom Architekten und von Sonja adoptiert wird.
Härte und Lieblosigkeit charakterisieren die Beziehungswelt in diesem Buch, das sehr überzeugend die ichbezogenen Figuren agieren lässt. Das Buch lebt von den Distanzen zwischen den Menschen, aber noch von etwas ganz anderem: Zur geschlossenen Handlung passt die schmucklose, geradlinige Sprache, die wohl gerade ihrer Einfachheit überaus viel Spannung erzeugt. Damit wird "Sieben Jahre" ein grosses, starkes Buch, das nicht zuletzt von Analogien lebt: Mal ist es die Architektur, mal die Landschaft, die den Seelenzustand wiedergibt.
[S. Fischer 2009]
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Donnerstag, 22.10.2009
Marianne Fredriksson: Maria Magdalena
Nach Luise Rinser (Mirjam 1983) und Regina Berlinghof (Mirjam 1995) hat auch Marianne Fredriksson einen Roman um die faszinierende Gestalt um Jesus geschrieben: Maria Magdalena. Und es ist für die 1927 in Göteborg geborene Fredriksson klar, dass sie ihren Roman vor allem für emanzipatorische und entsprechend kritische Zwecke benutzen wollte. Missbraucht die Autorin das Thema Maria Magdalena, um Gleichheitsansichten in die Ursprungszeit der Kirche hineinzuzwängen? Fälscht sie ab oder stellt sie richtig?
Die Autorin stellt denn auch vor allem jene blos, welche die Frau damals (wie in der Folgezeit) hintanstellen wollten. Dabei ist hinter dem grossmauligen Petrus und hinter Paulus möglicherweise die Institution Kirche mitgemeint, auch wenn diese Spitze nicht so benannt wird. Fredriksson stellt die populäre Auffassung von der Jesuszeit bezüglich Magdalena auf den Kopf, enthült die frauenfeindlichen Apostel-Interpretationen als Abkehr von der Lehre Jesu, greift damit aber möglicherweise selber manipulierend ein.
Wie es sich damals mit den mündlichen Aussagen Jesu verhielt, weiss der Laie und Leser leider nicht. Simon Petrus habe sich zu einem grossen Lügner entwickelt, lässt die Autorin Maria Magdalena sagen.
Betont wird von Fredriksson auch Magdalenas Warnung davor, alles in Gesetze fassen zu wollen. Auch hier wird eine Spitze gegen die dogmensüchtige Kirche spürbar.
Man liest sich recht gerne in jene vergangenen Zeiten in Antiochia und Jerusalem hinein, diese Beschreibungen erscheinen weitgehend glaubwürdig, auch wenn die Dialoge erfunden sind.
Die ersten Seiten sind etwas verwirrend geschrieben, und die Aussage Maria Magdalenas, ob sie eine Hure gewesen sei oder nicht, liest der Leser im Buch in widersprüchlichen Versionen.
Die Sprache ist stellenweise hart und direkt, aber nur stellenweise. Vieles ist regelrecht kitschig und - für eine Skandinavierin überraschend - übertrieben süsslich und banal.
[Fischer Taschenbuch 2007]
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Montag, 19.10.2009
Siegfried Lenz: Landesbühne
An der Frankfurter Buchmesse 2009 gekauft und in einem Zug gelesen und genossen: Mit "Landesbühne" hat Siegfried Lenz ein vortreffliches Buch gelandet. Was im Knast von Isenbüttel beginnt und auch dort endet, zeugt von liebevoller Vorstellungskraft und sehr viel feinem Humor.
"Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden", dieser Schlüsselsatz steht für ein überaus lesenswertes Buch, das zur "Schweigeminute" einen faszinierenden Kontrast bewirkt.
Erzählt wird von einem Ich, das sich als Professor Clemens Hydikotti der Universität Budapest entpuppt. Es entsteht soviel Situationskomik, dass man den Eindruck gewinnt, Lenz habe hier eines der vergnüglichsten Werke seines reichhaltigen Schaffens hingelegt. Die Handlung wird, wie man es vom Autor nicht anders erwartet, in königlicher Sprache geschildert, zu der die "blonde Schläfrigkeit" und andere kreative Wendungen gehören.
Hie und da taucht natürlich Hamburgisches auf. Es gibt eine Kehrwiederstrasse. Sogar der Verlag des Buches taucht auf, allerdings leicht verfremdet als "Hoffmann und Breitner", was auch immer dahinter stecken möge.
[Hoffmann und Campe, Hamburg 2009]
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Sonntag, 11.10.2009
Emilia Busse: Die Nebel der Liebe
Emilia Busse hat vor ihrem Tod 1997 ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben, in der Sprache ihrer spanischen Heimat. Eigentlich hatte sie zwei Heimatländer, ein grosses (Deutschland) und ein kleines (Spanien). Im Mittelpunkt ihrer detailreichen Schilderung, die in den Zweiten Weltkrieg hineinführt, steht die Liebesbeziehung zu Victor Cabral da Silva, dem rätselhaften Agenten, der später aus ihrem Leben verschwindet. Ihr gemeinsamer Sohn Victor sucht erst spät den Weg zu ihn und findet ihn auch, allerdings erweist sich diese Beziehung als bedeutungslos, wie Sohn Victor resigniert feststellt.
Die deutsche Übersetzung liest sich sehr leicht und packt gerade durch die Einfachheit der Sprache. Das Buch ist eine Liebesgeschichte, aber auch ein Dokument aus jener unsicheren und gefährlichen Zeit. Busse flüchtet mit Tochter und Sohn nach Westen, in Richtung Berlin, findet in der Schweiz vorübergehend Aufnahme und gelangt dann letztlich per Schiff nach Spanien zurück.
Wer die Situation kennt, in welcher ein Vater aus der Bildfläche einer Familie verschwindet, wird diese Texte vor allem deshalb gerne lesen, weil darin die Gefühle offen angesprochen werden und es Mut macht, eine starke und beharrliche Frau im Leben zu sehen.
Ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
Mehr Informationen auf der Website zu Emilia Busse.
[Books on Demand, Norderstedt 2009]
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Sonntag, 20.09.2009
Michael Wallner: Zwischen den Gezeiten
Um es gleich vorwegzunehmen: Mit Gezeiten hat das Buch "Zwischen den Gezeiten" überhaupt nichts zu tun, auch nicht im übertragenen Sinn. Weshalb der Österreicher Michael Wallner, der 1958 in Graz geboren wurde und heute in Berlin lebt, diese Überschrift gewählt hat, bleibt rätselhaft.
Das heisst nicht, dass das Werk nicht lesenswert wäre. Das ist es nämlich ohne Zweifel. Was sich in diesem Lazarett der britischen Truppen um 1948 abspielt, hat Wallner gekonnt in Worte gefasst. Das Lazarett liegt übrigens in Föhrden, einem 300-Seelen-Dorf im Kreis Segeberg von Schleswig-Holstein. Hier trifft die Einheimische Inga auf Leutnant Alec Hayden, der verletzt im Lazarett liegt.
Zugezogen hat sich Hayden seine Verletzung durch Rauswurf aus einem fahrenden Wagen, und geworfen wurde er, weil er seine Spielschulden nicht sofort begleichen konnte. Spielen - das ist das grosse Thema dieses Buches, das vor allem von seiner eigenen Stimmung lebt. Es ist die unheimliche Selbstverständlichkeit der Spielsucht und der damit verbundenen Diebstähle, was den Leser packen wird. Alle träumen sie vom grossen Coup, viele leben nur für das Spiel.
Die Sprache ist überaus gut geformt, es sind Sätze, die treffen, und sie gewinnen zusehends an "Zug", wenn man an das schlimme Ende und an die Rückkehr des Leutnants nach Schottland denkt. Ein Stück weit ist es auch Zeitgeschichte, eine Rückblende auf das knapp zurückliegende Kriegsende, bei dem Fraternisierungen zwischen zivilen Angestellten und britischen Truppenangehörigen problematisch waren wie vieles andere auch.
Einiges ist auch irritierend, so etwa die Überlegung, dass der knallharte Leutnant von Beruf Konditor sein soll. Dafür ist anderes doch erotisch, oder doch wenigstens versteckt erotisch, ganz nach dem verhaltenen Stil der damaligen Zeit. Durch das Buch geistern Fieberträume, Lügen und Rätsel, nur zu oft zieht sich die Schlinge bedrohlich zu. Das ist wahrhaftig, von Stimmung, historischem Umfeld und bangen Gefühlen her, ein beachtliches Buch.
von Tobinia um # 11:33 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Samstag, 05.09.2009
Lukas Hartmann: Bis ans Ende der Meere
John Webber steht im Zentrum des Romans, den Lukas Hartmann im Diogenes-Verlag herausgegeben hat: "Bis ans Ende der Meere". Webber wurde von James Cook als Expeditionszeichner engagiert, als Künstler hat er denn auch diese letzte Schiffreise Cooks 1776-1779 mitgemacht und mitgelitten.
Hartmann drückt seine Figuren nicht platt, vieles bleibt offen, auch bei Webber. Anders als bei Cook, über den es Publikationen zuhauf gibt, galt es bei Webber, die Szenen zu "imaginieren", also aus dem Zusammenhang heraus zu entwickeln, zu erfinden. Das gilt auch für die vielen Beziehungen an Bord, zur Eingeborenenwelt und in den Städten London und Bern. Das macht den historischen Roman faszinierend und spannend. Hartmann lässt auch die Zeichenstriche nachzeichnen, mit denen Webber versuchte, den Menschen und das Umfeld richtig zu interpretieren.
Ausserdem ist für Schweizer Leserinnen und Leser die Tatsache interessant, dass Webbers Familie aus Bern stammte. Hier hiessen die Verwandten allerdings Wäber, und Harald Wäber war es auch, der als erfahrener Historiker und ehemaliger Direktor der Burgerbibliothek zusammentrug, was über John Webber zu erfahren war.
"Bis ans Ende der Meere" ist ein anregendes Buch für Menschen, die gerne in die Historie eintauchen wollen, ohne alles fertig serviert zu bekommen.
Ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
Vgl. unsere Besprechung von Lukas Hartmanns Roman "Die letzte Nacht der alten Zeit" auf Time4talks.
Materialien auf Lukas Hartmanns Website.
[Diogenes 2009]
von Tobinia um # 20:31 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Alan Watts: Vom Geist des Zen
Der grosse amerikanische Religionsphilosoph Alan Watts (1915-1974) hat speziell für westliche Leser eine Einführung in den Zen-Lehre geschrieben: "Vom Geist des Zen". Daraus entnimmt man denn auch die wichtigsten Erkenntnisse von Zen, dass Zen nämlich auf dem direkten und persönlichen Erleben der Wirklichkeit beruht, und dass dabei der Verstand so verwirrt wird, dass man sieht, wie rationales Erfassen bloss ein Denken über die Dinge ist. Zen will die Wirklichkeit aber selber ins Auge fassen.
Zen sei so schwer zu verstehen, weil es so sehr in die Augen springe, lesen wir in der deutschen Übersetzung durch Julius Schwabe. Und: "Der Anfang der Welt ist eben jetzt; denn alle Dinge werden in diesem Augenblick geschaffen."
Gerade in der heutigen Gegenwart, in der das Mediale und damit das Indirekte und Begriffliche, so sehr an Bedeutung gewinnt, greift man mit Gewinn zu diesem kleinen, aber inhaltsreichen Buch.
[Insel 2008]
von Tobinia um # 14:03 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Mittwoch, 02.09.2009
Ditmar Wurche: Letzte Lichter
"Letzte Lichter" erfordert eine aufmerksame Lektüre, der 1935 geborene Ditmar Wurche hat sehr viel hineingepackt in dieses Werk, das biografische Züge mit faszinierenden Beschreibungen verknüpft. Der Leser folgt der Hauptfigur R. problemlos auf der Zeitachse, erlebt irgendwann die Gegenwartsschwelle und stösst dann überraschend in einen Zukunftsbericht vor, in welchem R. stirbt.
Vieles ist dokumentarisch an diesem dicken Band, anderes sehr persönlich. Wie auch immer, "Letzte Lichter" lässt die Zeit erleben, psychologisch nah, ehrlich und nie ganz sorgenfrei. R. meistert das Leben, aber kämpft auch gegen vieles an.
Ausführliche Besprechung auf dem Literaturmarkt.
[August von Goethe Literaturverlag 2009]
von Tobinia um # 17:16 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 30.08.2009
Florian Kiesewetter: Sternbildsonate
Der 20jährige Autor, Florian Kiesewetter, legt mit der "Sternbildsonate" eine Gedichtsammlung von bemerkenswerter Sprachqualität vor. Auf 72 Seiten sind 33 Gedichte ausgebreitet, die durch konsequente, ja klassische Reimform auffallen.
Trotz dieser überraschend angelegten Reime wirken die Gedichte nicht etwa miefig, sondern im Gegenteil aktuell und frisch. Das mag an den Assoziationen liegen, an den dichterischen Gedanken. Hier erinnert Kiesewetter an Rilke. Das gilt auch für den hohen Anspruch, den die Gedichte an das Textverständnis und das Sicheinfühlen stellen. Die Texte sind zum Teil schwer, stark komprimiert und verkürzt. Aber nur zum Teil, denn anderes kommt locker daher, beschwingt, frühlingshaft leicht.
Wer der Ästhetik dieser Gedichte nachspüren möchte, sei auf "Lilienstück" verwiesen, ein verschlungenes und in seiner Art auch dekorativ-verspieltes Gedicht. Wiegende Lyrik findet sich in "Frühlingserwachen", traumtänzerische Zartheit im "Chinesischen Garten", drängende Verknappung im Titelgedicht "Sternbildsonate", Wohlklang und Harmonie schliesslich in "Spät im Jahr". Florian Kiesewetter beweist auch "längeren Atem", etwa in "Des Richters Urteilsspruch" und im "Wassermann".
Dies alles weckt Erwartungen. Die werden durch die Website natürlich noch nicht erfüllt. Natürlich nicht, da müssen schon neue Werke her!
Unsere ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
[Arnshaugk Verlag 2009]
von Tobinia um # 12:46 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Montag, 03.08.2009
Jean-Luc Benoziglio: Louis Capet, Fortsetzung und Schluss
In Frankreich wird Ludwig XVI nicht guillotiniert, sondern in die Verbannung geschickt. Der 1941 geborene Walliser Jean-Luc Benoziglio, der seit 1967 in Paris lebt, macht daraus einen höchst vergnüglichen Roman. "Louis Capet, Fortsetzung und Schluss" erhielt denn auch den Prix Michel Dentan 2005 und den Prix des Auditeurs de la Suisse Romande 2006.
Mit unerhörter sprachlicher Sorgfalt, aber auch mit königlichem Schreibvergnügen führt Benoziglio durch die seltsamen Szenerien dieser Verbannung in Saint-Saphorien. Möglicherweise der erzählerische Höhepunkt des helvetischen Umgangs mit Louis Capet ist das Fondue, ein Stück, das auch bei Benoziglios Auftritt in Hamburg 2009 vorgelesen wurde. Mehr darüber im Bericht über diese Veranstaltung.
Gekonnt: "Ist das (Schweiz) denn ausser den Söldnern auch ein Land?" Und genauso das "Gespräch" zwischen dem Lehrer Fontanet und Louis Capet, der irgendwas Belangloses einwirft. Oder die Wortspielerei mit den Schlössern, in denen sich Capet eigentlich auskennen müsste.
Die ganze reaktionäre Ultra-Garde tritt auf, von Burke über de Bonald und de Maîstre bis Haller (der später in den Dienst der Bourbonen tritt), nur: Capet kennt sie alle nicht. Der Schweizer Jacques Mallet du Pan kommt aus England und schenkt dem einstigen König einen Plumpudding, ohne viel Wirkung zu erzielen.
Welch ein Lesespass!
[Verlag Die Brotsuppe 2007]
von Tobinia um # 08:47 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Montag, 27.07.2009
Giuseppe Tomasi: Ein Literat auf Reisen
Ein wahrhaft fürstliches Lesevergnügen: Von Giuseppe Tomasi sind rund 30 Briefe im Buch "Ein Literat auf Reisen" ausgebreitet, die der Fürst von Lampedusa und Herzog von Palma und Palermo in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasst hatte. Sie sind auf Hotelpapier geschrieben,
Tomasi liess hier nicht nur seinem bemerkenswerten Sprachvermögen und seiner Beobachtungsgabe freien Lauf, sondern auch seiner Spott- und Necklust. Er war unterwegs in London, Paris und anderen Städten, die er treffend charakterisiert und wo er Persönlichkeiten trifft und natürlich wiederum gekonnt schildert.
Viel Ernst findet man in diesen lockeren, von gutem Geschmack zeugenden Dokumenten nicht, anders als im posthum erschienenen Werk "Der Gattopardo", der ja ein Welterfolg wurde und mit prominenter Besetzung verfilmt wurde - alles nach Tomasis Tod, aber seine schmerzliche Lebenserfahrung wiedergebend.
Vgl. unsere ausführliche Besprechung auf dem Literaturmarkt.
[Piper 2009]
von Tobinia um # 09:23 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 05.07.2009
Lars Gustafsson: Frau Sorgedahls schöne weisse Arme
Anders als Per Olov Enquists "Ein anderes Leben" ist Gustafssons neuer Roman "Frau Sorgedahls schöne weisse Arme" keine Gesamtschau auf ein ganzes Leben, sondern eine fokussierte Rückblende. Der Roman bringt, was sich viele von Literatur überhaupt erhoffen: Einblicke in eine erlebte Welt, die ein Stück weit nun auch unsere sein darf.
Einquist hatte in seinem memoirenhaften Werk seinen Freund Gustafsson mehrmals erwähnt, umgekehrt gab es das Sinngemässe nicht. Strindbergh taucht bei Gustafsson auf, Beaudelaire, sogar Papst Benedikt, aber nur Andeutungen führen zu Enquist, etwa von den Erweckungsbewegungen die Rede ist, oder ganz kurz bei Kapitän Nemo natürlich. Keine langen Vatergeschichten hier.
Der Spannungsbogen führt von Anfang an zu Frau Sorgedahl. Überaus reizvoll übrigens, wie Gustafsson immer wieder Anlauf holt, um dorthin zu denken. Sehr hübsch gelingen die Passagen mit der Tochter des Giessers - das ist gekonnt gehandhabte Sprache, die Gustafsson eigen ist.
Das Leben, so liest man, ist zwar grundsätzlich langweilig, aber: "Es gibt keine leeren Käselöcher im Bewusstsein. Und deshalb ist die Langeweile des Lebens keine Eigenschaft des Lebens. Sie ist etwas, was wir mit ihm machen." Der Schriftsteller deutet sein Leben in der Welt, wobei der klar gesteht: "Ich bin ein glücklicher Mensch".
Alles beginne überall, schreibt der grosse Schwede. Es gebe keine besondere Stelle, die den Anfang darstelle. In diesem Zusammenhang bringt Gustafsson das Möbiusband ins Spiel. Früh Erlebtes ist oft näher als später Erfahrenes. Das Buch führt stark in die Tiefe, etwa, wenn von der Einsamkeit die Rede ist. Von der Einsamkeit des Menschen, der in einer meist feindlichen Welt etwas zu beschützen habe. Da gäbe es einen spannenden Weg zu Rilkes Einsamkeit zu gehen.
Einmal entdeckt Gustafsson einen Riss, der in ihn selbst hineinzuführen schien. Wendungen dieser Art gehören zu Gustafssons Sprache. "Risse" gab es schon im Titel seiner grossen fünfteiligen Romansammlung: "Risse in der Mauer".
"Der freie Wille ist in das Schicksal eingebaut", folgert der Philosoph Gustafsson aus den Erkenntnissen der Griechen. Wie anregend doch dieses Buch ist, und wie schön, dass der Philosophieprofessor Gustafsson als Autor nie ins ermüdend Belehrende verfällt. Das macht das Buch so herrlich leicht. Es ist ein Buch, das an die Spitze gehört, nicht nur an die Spitze irgendwelcher Listen. Das sei eines seiner besten Bücher, schreibt das Licht_sei_sein_Los_Bog.
Genial sind die anekdotisch anmutenden Erzählungsteile etwa jene über die Orgelreparatur. Sie bilden das grosse Vergnügen in diesem grossartigen Roman. Dazu gehört die zitierte alte Figur mit dem Thema Zeit, das Gustafsson interpretierend in den Roman hinüberzieht.
[Hanser 2009]
von Tobinia um # 15:30 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Mittwoch, 24.06.2009
Bettina Szrama: Die Giftmischerin
Die Spannung ist bei diesem Historischen Roman gegeben: 1831 wurde Gesche Margarethe Timm in Bremen hingerichtet, weil ihr 15 Giftmorde nachgewiesen werden konnten. Geboren wurde sie 1785, mit dem Schwert bestraft 1831.
Nun wollte Bettina Szrama nach eigenen Aussagen damit "unterhalten", nicht etwa werten. Ob ihr die Unterhaltung gelungen ist, mögen viele bezweifeln. Die Sprache ist zu banal, dem Lektorat sind zu viele harte Grammatikfehler entgangen und gerade kreativ wird man den Roman nicht nennen dürfen. Es finden sich zwar einzelne gute Wendungen in diesem Buch, aber Unterhaltung bietet es trotz Süsslichkeit und Sinnlichkeit wohl kaum.
Dafür ist der Roman durchwegs verständlich geblieben, die Handlung vollzieht sich linear, Sprünge gibt es keine. Eine klare Geschichte, Mord um Mord.
Weshalb es im Schlusswort noch zur verfehlten Diagnose kam, Gesche sei schizophren gewesen, bleibt schleierhaft. Etwas Umfeld hätte dem Buch besser getan, man vernimmt zwar etwas über Kotzebue, hört vom Bruder, der Napoleons Feldzug nach Moskau mitmachte und verwundet wurde, aber einen vollends tauglichen Hintergrund lässt das Buch leider vermissen.
So bleibt eine substanziell interessante Folge von Beziehungen und Verfehlungen, die sich auf die Aufzeichnungen Vogets 1831 stützt. Aber wirklich gepackt haben diese 322 Seiten nicht, auch wenn sich etwas Spannung aufbaut.
[Gmeiner 2009]
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Freitag, 19.06.2009
Andrej Kurkow: Picknick auf dem Eis
Als Identifikationsfigur dient in diesem Roman der Titelheld Viktor, der (wie der 1961 geborene Autor Andrej Kurkow auch) in Kiew lebt und eine Familienatrappe um sich stellt: mit Sonja, Nina und dem Pinguin. Man geniesst die Selbstverständlichkeit dieses seltsamen Lebens mit Nekrologen, Begegnungen und Mafia-Hintergrund. Und freut sich über den leisen Humor.
"Besser nichts wissen, aber leben", liest man da. Die Szenerie ist unwirklich wie vieles in den Oststaaten, Kurkow als Russe weiss Bescheid. Er kennt die Wirklichkeit, weiss aber auch, dass Träume mehr sind als Wirklichkeit.
Im Roman "Picknick auf dem Eis" ziehen ungelöste Rätsel durch das Buch, und am Schluss kommt ein einziger Satz, der einen treffen muss. Dieser einzige Satz ist schuld, dass man nach Lektürenschluss erst richtig zu sinnieren beginnt - ein anregendes Buch also, das vieles gut versteckt und von der stillen Seite her packt.
[Diogenes 2000]
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Donnerstag, 11.06.2009
Meinungsmarkt für Bücher
Es gibt Bücher über das Internet. Und umgekehrt: Websites, die eine Plattform bieten für die Buchwelt, die nach wie vor die Lesewelt zu packen vermag.
Das Literatur-Forum beispielsweise bietet eine gute Gelegenheit für literarische Diskussionen. Das Forum, das eine Registrierung voraussetzt, wird sehr rege benützt. Geboten werden ausser Buchbesprechungen auch eine Vielzahl ergiebiger Links. Geschaffen wurde die Website von der ForumFactory (Inhaber: Carsten Grentrup) in Bad Dürkheim.
Als literarischer Markt für Buchbesprechungen gibt sich der Literaturmarkt. Er versteht sich als "Informationsdienst für Buchhandel, Medien und Lesepublikum". Hier kann man nicht nur Bücher zur Rezension anmelden - eine Sache des Buchmarketings also -, sondern auch sich selber als Rezensenten anbieten. Der Literaturmarkt ist 2001 aus ixlibris.de hervorgegangen. Hinter dem Online-Auftritt steht die Brentano-Gesellschaft in Frankfurt am Main.
Für Romane, aber auch Werke über die Sprache und die Medien ist der Lesertreff von Patrick Fiekers, Münster, gedacht.
Eselsohren heisst das Online-Büchermagazin von Werner Peter Schulze, Wien. Diese Website informiert über lesenswerte Bücher, nicht ab Klappentext, sondern frisch ab Lektüre. Zu lesen sind auch Rezensionen in Form von Gastbeiträgen.
Klar auf Autoren ausgerichtet ist die Schreibszene, betreut von einer Geschäftsleitung mit Cathrin Moser und Fatima Vidal. Hier werden auch Textkurse angeboten, und man kann Bücher zur Besprechung anmelden.
Dann gibt es noch die Miklitz-Buchbesprechungen, die sich mit Literatur und Sprache beschäftigen. Verantwortlich zeichnet Günther Miklitz in Bonn.
Und schliesslich ist noch das Universalgenie erwähnenswert, auch wenn es sich in keinem Impressum zu erkennen gibt. Der URL entsprechend gibt man sich breit, behandelt wird "Allgemeines", aber auch Literatur.
von Tobinia um # 11:50 in Bücher | 1 Kommentar | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 07.06.2009
Per Olov Enquist: Ein anderes Leben

Es ist ein aussergewöhnliches Buch, was der 1934 geborene grosse Schwede Enquist auf den Tisch legt. Zumindest muss man sich erst einmal an die dritte Person gewöhnen, in welcher diese lebenslange Suche beschrieben wird. Je besser man Enquist dabei kennen lernt, desto ungewöhnlicher wird dieses Er.
Die persönliche Note ist überaus stark und intensiv, in seiner enthüllenden Form auch typisch skandinavisch. Zu typisch, werden viele sagen, welche seine Auseinandersetzung mit dem eigenen Sex etliche Seiten zu lang und unnötig finden. Man kann auch nicht leugnen, dass Enquists Leben unter anderem einige Dutzend langweilige Seiten durchstanden haben muss, wie man nach einem Drittel Buchlektüre erkennen wird.
Dem steht der eindrückliche grosse "Schlussteil" gegenüber, mit dem Durchstehen der Alkoholsucht bis ins Jahr 1990, zu jenem Zeitpunkt, da ihm ein zweites Leben geschenkt wird, eines ohne Alkohol. Den Leser beschenkt dieses zweite Leben mit Glanzstücken wie "Kapitän Nemos Bibliothek", das im Buch immer wieder erwähnt wird.
Für den treuen Leserkreis wichtig werden die Aussagen, die mit einzelnen Werken verknüpfen und diese in den biografischen Kontext stellen. Das reicht vom "Besuch des Leibarztes" über "Das Buich von Blanche und Marie" bis zu "Kapitän Nemos Bibliothek". Da rücken das Erlebnis Broadway und die Theatersequenzen ("Tribaden") weit nach vorne. Auch hier wird kein Tagebuch durchgeblättert. Man erlebt vielmehr das Sinnieren des Autors, und das in einem sehr ausführlichen Text, der mit Zweifeln und Fragezeichen laufend die weiteren Schritte behindert.
"Enquist", schrieb Volker Behrens am 12. Mai 2009 im "Hamburger Abendblatt", "schreibt sinnlich, nachdenklich, auch immer mal wieder humorvoll über seine Erlebnisse."
Ein feiner Humor durchzieht tatsächlich viele Passagen, erfreulicherweise. Enquist schildert seinen Vater, wie er ihn erlebt nach dessen frühen Tod. Schön auch die einprägsamen Blicke auf die Mutter, auf die von konsequenter Erziehung mitgegebene Tradition, auf den netten Jungen Per Olov, der später seinen Glauben wegstudiert.
Dazu kommen die vielen Begegnungen, am häufigsten mit Gustafsson, nur selten mit Hamsun, Laxness, etwas versteckt auch mit Ibsen und Strindberg. Zweimal wird der zeitgeschichtliche Hintergrund deutlich, und damit auch die Rolle oder eben Unrolle Enquists: die Begegnung mit Leuten der RAF und das Blutbad an der Olympiade in München. Buchentscheidend sind sie trotzdem nicht. Das Buch ist ein lesenswertes Werk nicht über Enquist, sondern über die Person, wie sie Enquist sieht.
[Hanser 2008]
von Tobinia um # 16:24 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Dienstag, 26.05.2009
Daniel Kehlmann: Ruhm
"Ein Roman in neun Geschichten", so lautet der Untertitel dieses schmalen Bändchens, das Daniel Kehlmann scheinbar mühelos auf den Lesermarkt schob. An sich bieten die Teile dem Gelegenheitsleser die Chance, jeden Abend eben nur portionenweise etwas zu sich zu nehmen. Aber wer zu sehr zerstückelt, wird möglicherweise verpassen, dass jede Geschichte in die andere greift und sich die Figuren feixen und necken.
Unter der Tarnkappe einer jederzeit verständlichen Sprache schiebt sich so ein Verwirrspiel unter, das die Lektüre zum Vergnügen macht. Es sind zwar nur gut 200 kleine Seiten, aber sie bergen eine eigene Welt. Nicht spektakulär, aber faszinierend. Überraschend im Wechsel der Sprache, auch des Tempos. Ohne Zweifel wird man beim Computerfreak schneller lesen als sonst, und sich dann zurückfallen lassen.
Für viele ist "Ruhm" so etwas wie ein Rückwärtseinstieg zu seinem früheren Werk, etwa zur "Vermessung der Welt", einem Bestseller, der grosse Begeisterung auszulösen vermochte. "Leicht, geistreich und zugleich witzig", schreibt etwa Andi Meyer in seinem literarischen Blog Text-Spot.
[Rowohlt 2009]
von Tobinia um # 19:48 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 24.05.2009
Text-Spot - für den literarischen Appetit
Er macht mit seinem Text-Spot ähnliches wie wir mit unserem Buchzeichen: Andi Meyer in Therwil (CH). Per Zufall erfuhren wir von seiner "blogistischen Unruhe" weit über die Baselbieter Heime hinaus, und so lasen wir die Rezensionen dessen, was er sich - Buch um Buch - zu Gemüte führte.
Die Rezensionen sind offen und ehrlich, deshalb eine Hilfe beim Auswählen der nächsten Lektüre abends. So würden wir Mary Hoppes "Schwester der Zuckermacherin" eher meiden, um dann umso begeisterter Stanislaw Lems "Rückkehr von den Sternen" vornzunehmen. Da spürt man die Begeisterung des Lesers förmlich heraus, eines Physikers wohlverstanden, der von den Zeitgeschichten ja schon einiges weiss, wenn auch nie alles.
Daniel Kehlmann komt mit seiner "Vermessung der Welt " - nicht ganz überraschend - sehr gut weg. Viele lesen sich ja nach dem "Ruhm" nun rückwärts durch das Schreibwerk dieses Österreichers, der ohne Zweifel eine aufmerksame Lektüre wert ist.
Gut gemachtes Blog - weil schnörkellos und direkt. Auf den Punkt gebrachte Wertung aus Lesersicht.
von Tobinia um # 17:04 in Blogs | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Montag, 18.05.2009
Siegfried Lenz: Schweigeminute
von Tobinia um # 16:35 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden