Sonntag, 14.02.2010
Hanne Oerstavik: Die Pastorin
Als die Norwegerin Hanne Oerstavik Ende 2009 in Hamburg war und bereitwillig Publikumsfragen beantwortete, konnte man eines auf Anhieb erkennen: ihre unerhört aufmerksame, feine Art, der Welt in ihr und um sie herum Worte zu geben. Das ist denn auch die grosse Stärke dieser 1969 in Vadsoe geborenen erfolgreichen Autorin.
Im Roman "Die Pastorin" sollte man denn auch nicht den Handlungssträngen nachjagen, und der Spannungsbogen findet sich nicht im Äusseren, sondern im Innern der Schilderungen. Der Tod spielt eine zentrale Rolle, auch Norwegens frühere Zeit spielt immer wieder hinein. Im Grunde aber sind es Frauenbilder, nicht die einer Emanzipations- oder irgendwelcher Zeit, sondern die des persönlichen gegenseitigen Erlebens.
Wer gerne nachsinnt und verweilt, wird diesen Roman gerne zur Hand nehmen. Wer angesichts der vielen Todessituationen einen Knüller sucht, wird meilenweit davon entfernt sein. Ein seelischer Roman, könnte man sagen.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009. Originalausgabe 2004.
von Tobinia um # 20:19 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Samstag, 05.12.2009
Edvard Hoem: Heimatland. Kindheit
"Heimatland. Kindheit" von Edvard Hoem ist norwegisch schon 1985 erschienen, die Deutschausgabe liegt nun mit der Insel-Ausgabe 2009 auch vor. "Mutter und Vater" jedoch erschien norwegisch erst 2006, deutsch 2007. Nach dieser chronologischen Verwirrung schaut man besonders aufmerksam auf das, was uns der 1949 geborene Norweger berichten will.
Der Alltag in der Region Molde an der Küste ist unspektakulär, um nicht zu sagen: langweilig. "Kümiland", wie es Hoem beschreibt, ist beim Wiedersehen zwar verändert, aber Freude auszulösen vermag die Schilderung nicht. Manche Formulierungen verraten leisen Humor, die Erzählweise ist einfach, vergnügt.
Trotzdem vermag das Buch einfach nicht zu packen. Es fehlt das Aufarbeiten, das Durchdringen, das feinere Beobachten. Und als Edvard Hoem am 25. November 2009 in Hamburgs Literaturhaus sprach und antwortete, blieb das Gespräch dürr und fad. Der Auftritt hinterliess den Eindruck eines Ichdarstellers ohne grosses Verständnis für das, was einen Leser ins Buch ziehen könnte. Wenn man dagegen Hanne Oerstavik hörte, die in Hamburg am selben Tisch sass und unerhört viel Leben verriet, dann mochte man mit dem Buch "Heimatland. Kindheit" getrost sagen: Dieses Buch muss niemand zwingend gelesen haben. Da hilft auch die Tatsache, dass Hoems Kopf an jenen Ibsens erinnert, nicht weiter. Da bleibt Hoem hoffnungslos zurück, und man muss es diesem Autor, der sich -zigfach auf dem Einband abbildet, auch deutlich sagen.
[Insel 2009]
von Tobinia um # 10:00 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 29.11.2009
Arto Paasilinna: Im Jenseits ist die Hölle los
Auf dem Nachhauseweg verunglückt ein Redakteur tödlich. Arto Paasilinna, 1942 geboren, ein Bekannter unter den finnischen Schriftstellern, macht daraus eine geniale Ausgangslage für humorvolle und vor allem auch kritische Äusserungen zur Welt.
Sein Geniestreich: Er begleitet den Toten weiter. Das führt zu skurrilen Situationen, etwa im Lesesaal der Bibliothek, wo Tote unsichtbar hinter Lebenden lesen. Oder in Gesprächen mit einem Selbstmörder, in der "Beziehung" zur hübschen Mit-Toten Elsa.
Aber es wird auch kritisch dabei. Kritisch gegenüber der Kirche, die falsche Erwartungen ins Jenseits verbreitet. Als Aushängeschild dient Papst Pius IX, den Verkünder des Unfehlbarkeitsdogmas, der nach dem Tod offen bekennt, dass das Dogma nur machtpolitisch Sinn machte, sonst nicht. Theologisches Wissen, so liest man, hilft den Toten in keinem Fall weiter. Im Leben ist die Religion ein Mittel der Machtausübung, mehr nicht.
Alle suchen Jesus, jetzt taucht er auf, in Helsinki. Der Autor zitiert seine Ansprache, aber diese erscheint so banal, das das Lob des Autors darüber überaus spitzig wirkt.
Die Ausgangslage ist so dankbar, dass sich auch die finnische Literaturszene neu schildern lässt, mitsamt der Kritikerschar, die auf den Bäumen hockt. Auch die finnische Frühgeschichte ist stark präsent, einige Tote von damals sind noch da. Aber die Szenerie ist nicht rein finnisch, auch Bolivien wird thematisiert.
Besonders interessant: Auch das Totenreich kommt nicht ohne eigenen Tod aus. Die Toten "leben" nur so lange, als ihr Hirnkapital ausreicht. Und das Totenreich kennt offensichtlich die gleichen Spielregeln wie die lebende Gesellschaft, ohne geht es nicht. Tote können im Reich der Lebenden nur wenig ausrichten. Sie können aber die Träume der Lebenden beeinflussen, und sie können deren Gedanken lesen - sehr praktisch für ein herzlich vergnügtes Buch.
Der Ton ist unbekümmert leicht, der Humor liest sich einfach, oft aber auch nur im Versteckten. "Im Jenseits ist die Hölle los" ist ein fantasiereiches Buch, das über das Lesevergnügen hinaus sehr viel Anregung bietet.
[BLT, 5. Auflage 2007]
von Tobinia um # 12:44 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Dienstag, 17.11.2009
Per Petterson: Im Kielwasser
Vater und Muter sowie die zwei jüngsten Söhne sterben bei einem Schiffsbrand, die älteren beiden Söhne überleben. Alles weitere leitet man davon ab oder ergibt sich scheinbar von selbst. Den Akteur erlebt man nämlich unter einer Glasglocke, regungslos, unerreichbar wie im Traum. "Ich erinnere mich an viele Träume", schreibt Petterson. "Manchmal sind sie schwer zu unterscheiden von dem, was tatsächlich passiert. Das ist nicht schlimm. Es ist wie mit Büchern."
Die Antriebslosigkeit könnte die eines Depressiven sein, und mit ihr hat man sich als Leser erst einmal abzufinden. Die Depression als Provokation. Krank und angeschlagen, kalt und allein - ein Aufsteller ist das Buch sicher nicht, ein Gewinn aber sicher auch so.
Zur Sprache: Sie ist grossartig gelungen, wechselt situativ den Rhythmus, ist jederzeit sicher. Gelegentlich klingt sie an Klassisches an: "Es wogt und braust und ist sich selbst genug", schreibt Petterson vom Wasser unter der Brücke hindurch. Und einer, so liest man überrascht, schläft "schwer wie eine nasse Matratze".
Die "Bühne" hält für die Szenen eine relativ bescheidene Rollenbesetzung bereit. Gelegentlich taucht eine Frau auf, unschlüssig verharrt der Akteur zwischen Abwendung und Hingehen. Am Schluss reduziert sich die Personenzahl auf die beiden Brüder, die sich in eine Schlägerei verlieren. So hält einen der Roman gefangen in einer eigenen Welt. "Ich könnte natürlich ein ganz anderer sein als der, der ich bin, aber das bin ich nun einmal nicht."
[Fischer Taschenbuch Verlag 2009]
von Tobinia um # 18:31 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 01.11.2009
Hilla Beils-Müller: Ein kleiner Spiegel
"Ein kleiner Spiegel" gehört zu jenen persönlich gefassten Büchern, die fast handwerklich daherkommen, jedenfalls nicht "industriell" abgeleiert sind. Hilla Beils-Müller, 1953 in Mayen geboren, hat jetzt Band 2 vorgelegt. Und es steckt viel liebevolle Poesie in diesen kurzen Texten. Die Verse machen deutlich, dass Liebe, Freude und Geduld wichtige Grundlagen sind für die Lebensbejahung, die hier so klar zum Ausdruck kommt. "Wer schreibt, der bleibt", erklärt Hilla Beils-Müller. "Und wer so schreibt, steckt an", möchte man ergänzen. Ausführliche Besprechung auf dem Literaturmarkt.
[August von Goethe Literaturverlag 2009]
von Tobinia um # 08:56 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Dienstag, 27.10.2009
Peter Stamm: Sieben Jahre
Es ist eine ganz besondere Welt, die Peter Stamm in seinem Roman "Sieben Jahre" beschreibt. Die Ich-Figur, ein antriebsloser Architekt voller Zweifel, geht mit Sonja eine Beziehung ein. Sonja, die er zögerlich heiratet, ist die perfekte Frau, hübsch und erfolgreich, eigentlich zu perfekt. Echte Liebe gibt es da nicht, stellt der Leser fest, und er kann es nachvollziehen, wenn der Architekt auf eine Polin abfährt. Aber auch hier: keine Zuneigung spürbar. Die Frau ist langweilig, sie ärgert ihn, allerdings bietet sie ihm den Rahmen der Freiheit und völlige Hingabe. Mit ihr hat er ein Kind, Sophie, das vom Architekten und von Sonja adoptiert wird.
Härte und Lieblosigkeit charakterisieren die Beziehungswelt in diesem Buch, das sehr überzeugend die ichbezogenen Figuren agieren lässt. Das Buch lebt von den Distanzen zwischen den Menschen, aber noch von etwas ganz anderem: Zur geschlossenen Handlung passt die schmucklose, geradlinige Sprache, die wohl gerade ihrer Einfachheit überaus viel Spannung erzeugt. Damit wird "Sieben Jahre" ein grosses, starkes Buch, das nicht zuletzt von Analogien lebt: Mal ist es die Architektur, mal die Landschaft, die den Seelenzustand wiedergibt.
[S. Fischer 2009]
von Tobinia um # 08:11 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Donnerstag, 22.10.2009
Marianne Fredriksson: Maria Magdalena
Nach Luise Rinser (Mirjam 1983) und Regina Berlinghof (Mirjam 1995) hat auch Marianne Fredriksson einen Roman um die faszinierende Gestalt um Jesus geschrieben: Maria Magdalena. Und es ist für die 1927 in Göteborg geborene Fredriksson klar, dass sie ihren Roman vor allem für emanzipatorische und entsprechend kritische Zwecke benutzen wollte. Missbraucht die Autorin das Thema Maria Magdalena, um Gleichheitsansichten in die Ursprungszeit der Kirche hineinzuzwängen? Fälscht sie ab oder stellt sie richtig?
Die Autorin stellt denn auch vor allem jene blos, welche die Frau damals (wie in der Folgezeit) hintanstellen wollten. Dabei ist hinter dem grossmauligen Petrus und hinter Paulus möglicherweise die Institution Kirche mitgemeint, auch wenn diese Spitze nicht so benannt wird. Fredriksson stellt die populäre Auffassung von der Jesuszeit bezüglich Magdalena auf den Kopf, enthült die frauenfeindlichen Apostel-Interpretationen als Abkehr von der Lehre Jesu, greift damit aber möglicherweise selber manipulierend ein.
Wie es sich damals mit den mündlichen Aussagen Jesu verhielt, weiss der Laie und Leser leider nicht. Simon Petrus habe sich zu einem grossen Lügner entwickelt, lässt die Autorin Maria Magdalena sagen.
Betont wird von Fredriksson auch Magdalenas Warnung davor, alles in Gesetze fassen zu wollen. Auch hier wird eine Spitze gegen die dogmensüchtige Kirche spürbar.
Man liest sich recht gerne in jene vergangenen Zeiten in Antiochia und Jerusalem hinein, diese Beschreibungen erscheinen weitgehend glaubwürdig, auch wenn die Dialoge erfunden sind.
Die ersten Seiten sind etwas verwirrend geschrieben, und die Aussage Maria Magdalenas, ob sie eine Hure gewesen sei oder nicht, liest der Leser im Buch in widersprüchlichen Versionen.
Die Sprache ist stellenweise hart und direkt, aber nur stellenweise. Vieles ist regelrecht kitschig und - für eine Skandinavierin überraschend - übertrieben süsslich und banal.
[Fischer Taschenbuch 2007]
von Tobinia um # 11:14 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Montag, 19.10.2009
Siegfried Lenz: Landesbühne
An der Frankfurter Buchmesse 2009 gekauft und in einem Zug gelesen und genossen: Mit "Landesbühne" hat Siegfried Lenz ein vortreffliches Buch gelandet. Was im Knast von Isenbüttel beginnt und auch dort endet, zeugt von liebevoller Vorstellungskraft und sehr viel feinem Humor.
"Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden", dieser Schlüsselsatz steht für ein überaus lesenswertes Buch, das zur "Schweigeminute" einen faszinierenden Kontrast bewirkt.
Erzählt wird von einem Ich, das sich als Professor Clemens Hydikotti der Universität Budapest entpuppt. Es entsteht soviel Situationskomik, dass man den Eindruck gewinnt, Lenz habe hier eines der vergnüglichsten Werke seines reichhaltigen Schaffens hingelegt. Die Handlung wird, wie man es vom Autor nicht anders erwartet, in königlicher Sprache geschildert, zu der die "blonde Schläfrigkeit" und andere kreative Wendungen gehören.
Hie und da taucht natürlich Hamburgisches auf. Es gibt eine Kehrwiederstrasse. Sogar der Verlag des Buches taucht auf, allerdings leicht verfremdet als "Hoffmann und Breitner", was auch immer dahinter stecken möge.
[Hoffmann und Campe, Hamburg 2009]
von Tobinia um # 10:56 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 11.10.2009
Emilia Busse: Die Nebel der Liebe
Emilia Busse hat vor ihrem Tod 1997 ihre Lebensgeschichte niedergeschrieben, in der Sprache ihrer spanischen Heimat. Eigentlich hatte sie zwei Heimatländer, ein grosses (Deutschland) und ein kleines (Spanien). Im Mittelpunkt ihrer detailreichen Schilderung, die in den Zweiten Weltkrieg hineinführt, steht die Liebesbeziehung zu Victor Cabral da Silva, dem rätselhaften Agenten, der später aus ihrem Leben verschwindet. Ihr gemeinsamer Sohn Victor sucht erst spät den Weg zu ihn und findet ihn auch, allerdings erweist sich diese Beziehung als bedeutungslos, wie Sohn Victor resigniert feststellt.
Die deutsche Übersetzung liest sich sehr leicht und packt gerade durch die Einfachheit der Sprache. Das Buch ist eine Liebesgeschichte, aber auch ein Dokument aus jener unsicheren und gefährlichen Zeit. Busse flüchtet mit Tochter und Sohn nach Westen, in Richtung Berlin, findet in der Schweiz vorübergehend Aufnahme und gelangt dann letztlich per Schiff nach Spanien zurück.
Wer die Situation kennt, in welcher ein Vater aus der Bildfläche einer Familie verschwindet, wird diese Texte vor allem deshalb gerne lesen, weil darin die Gefühle offen angesprochen werden und es Mut macht, eine starke und beharrliche Frau im Leben zu sehen.
Ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
[Books on Demand, Norderstedt 2009]
von Tobinia um # 10:07 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 20.09.2009
Michael Wallner: Zwischen den Gezeiten
Um es gleich vorwegzunehmen: Mit Gezeiten hat das Buch "Zwischen den Gezeiten" überhaupt nichts zu tun, auch nicht im übertragenen Sinn. Weshalb der Österreicher Michael Wallner, der 1958 in Graz geboren wurde und heute in Berlin lebt, diese Überschrift gewählt hat, bleibt rätselhaft.
Das heisst nicht, dass das Werk nicht lesenswert wäre. Das ist es nämlich ohne Zweifel. Was sich in diesem Lazarett der britischen Truppen um 1948 abspielt, hat Wallner gekonnt in Worte gefasst. Das Lazarett liegt übrigens in Föhrden, einem 300-Seelen-Dorf im Kreis Segeberg von Schleswig-Holstein. Hier trifft die Einheimische Inga auf Leutnant Alec Hayden, der verletzt im Lazarett liegt.
Zugezogen hat sich Hayden seine Verletzung durch Rauswurf aus einem fahrenden Wagen, und geworfen wurde er, weil er seine Spielschulden nicht sofort begleichen konnte. Spielen - das ist das grosse Thema dieses Buches, das vor allem von seiner eigenen Stimmung lebt. Es ist die unheimliche Selbstverständlichkeit der Spielsucht und der damit verbundenen Diebstähle, was den Leser packen wird. Alle träumen sie vom grossen Coup, viele leben nur für das Spiel.
Die Sprache ist überaus gut geformt, es sind Sätze, die treffen, und sie gewinnen zusehends an "Zug", wenn man an das schlimme Ende und an die Rückkehr des Leutnants nach Schottland denkt. Ein Stück weit ist es auch Zeitgeschichte, eine Rückblende auf das knapp zurückliegende Kriegsende, bei dem Fraternisierungen zwischen zivilen Angestellten und britischen Truppenangehörigen problematisch waren wie vieles andere auch.
Einiges ist auch irritierend, so etwa die Überlegung, dass der knallharte Leutnant von Beruf Konditor sein soll. Dafür ist anderes doch erotisch, oder doch wenigstens versteckt erotisch, ganz nach dem verhaltenen Stil der damaligen Zeit. Durch das Buch geistern Fieberträume, Lügen und Rätsel, nur zu oft zieht sich die Schlinge bedrohlich zu. Das ist wahrhaftig, von Stimmung, historischem Umfeld und bangen Gefühlen her, ein beachtliches Buch.
von Tobinia um # 11:33 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Samstag, 05.09.2009
Lukas Hartmann: Bis ans Ende der Meere
John Webber steht im Zentrum des Romans, den Lukas Hartmann im Diogenes-Verlag herausgegeben hat: "Bis ans Ende der Meere". Webber wurde von James Cook als Expeditionszeichner engagiert, als Künstler hat er denn auch diese letzte Schiffreise Cooks 1776-1779 mitgemacht und mitgelitten.
Hartmann drückt seine Figuren nicht platt, vieles bleibt offen, auch bei Webber. Anders als bei Cook, über den es Publikationen zuhauf gibt, galt es bei Webber, die Szenen zu "imaginieren", also aus dem Zusammenhang heraus zu entwickeln, zu erfinden. Das gilt auch für die vielen Beziehungen an Bord, zur Eingeborenenwelt und in den Städten London und Bern. Das macht den historischen Roman faszinierend und spannend. Hartmann lässt auch die Zeichenstriche nachzeichnen, mit denen Webber versuchte, den Menschen und das Umfeld richtig zu interpretieren.
Ausserdem ist für Schweizer Leserinnen und Leser die Tatsache interessant, dass Webbers Familie aus Bern stammte. Hier hiessen die Verwandten allerdings Wäber, und Harald Wäber war es auch, der als erfahrener Historiker und ehemaliger Direktor der Burgerbibliothek zusammentrug, was über John Webber zu erfahren war.
"Bis ans Ende der Meere" ist ein anregendes Buch für Menschen, die gerne in die Historie eintauchen wollen, ohne alles fertig serviert zu bekommen.
Ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
Vgl. unsere Besprechung von Lukas Hartmanns Roman "Die letzte Nacht der alten Zeit" auf Time4talks.
Materialien auf Lukas Hartmanns Website.
[Diogenes 2009]
von Tobinia um # 20:31 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Alan Watts: Vom Geist des Zen
Der grosse amerikanische Religionsphilosoph Alan Watts (1915-1974) hat speziell für westliche Leser eine Einführung in den Zen-Lehre geschrieben: "Vom Geist des Zen". Daraus entnimmt man denn auch die wichtigsten Erkenntnisse von Zen, dass Zen nämlich auf dem direkten und persönlichen Erleben der Wirklichkeit beruht, und dass dabei der Verstand so verwirrt wird, dass man sieht, wie rationales Erfassen bloss ein Denken über die Dinge ist. Zen will die Wirklichkeit aber selber ins Auge fassen.
Zen sei so schwer zu verstehen, weil es so sehr in die Augen springe, lesen wir in der deutschen Übersetzung durch Julius Schwabe. Und: "Der Anfang der Welt ist eben jetzt; denn alle Dinge werden in diesem Augenblick geschaffen."
Gerade in der heutigen Gegenwart, in der das Mediale und damit das Indirekte und Begriffliche, so sehr an Bedeutung gewinnt, greift man mit Gewinn zu diesem kleinen, aber inhaltsreichen Buch.
[Insel 2008]
von Tobinia um # 14:03 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Mittwoch, 02.09.2009
Ditmar Wurche: Letzte Lichter
"Letzte Lichter" erfordert eine aufmerksame Lektüre, der 1935 geborene Ditmar Wurche hat sehr viel hineingepackt in dieses Werk, das biografische Züge mit faszinierenden Beschreibungen verknüpft. Der Leser folgt der Hauptfigur R. problemlos auf der Zeitachse, erlebt irgendwann die Gegenwartsschwelle und stösst dann überraschend in einen Zukunftsbericht vor, in welchem R. stirbt.
Vieles ist dokumentarisch an diesem dicken Band, anderes sehr persönlich. Wie auch immer, "Letzte Lichter" lässt die Zeit erleben, psychologisch nah, ehrlich und nie ganz sorgenfrei. R. meistert das Leben, aber kämpft auch gegen vieles an.
Ausführliche Besprechung auf dem Literaturmarkt.
[August von Goethe Literaturverlag 2009]
von Tobinia um # 17:16 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 30.08.2009
Florian Kiesewetter: Sternbildsonate
Der 20jährige Autor, Florian Kiesewetter, legt mit der "Sternbildsonate" eine Gedichtsammlung von bemerkenswerter Sprachqualität vor. Auf 72 Seiten sind 33 Gedichte ausgebreitet, die durch konsequente, ja klassische Reimform auffallen.
Trotz dieser überraschend angelegten Reime wirken die Gedichte nicht etwa miefig, sondern im Gegenteil aktuell und frisch. Das mag an den Assoziationen liegen, an den dichterischen Gedanken. Hier erinnert Kiesewetter an Rilke. Das gilt auch für den hohen Anspruch, den die Gedichte an das Textverständnis und das Sicheinfühlen stellen. Die Texte sind zum Teil schwer, stark komprimiert und verkürzt. Aber nur zum Teil, denn anderes kommt locker daher, beschwingt, frühlingshaft leicht.
Wer der Ästhetik dieser Gedichte nachspüren möchte, sei auf "Lilienstück" verwiesen, ein verschlungenes und in seiner Art auch dekorativ-verspieltes Gedicht. Wiegende Lyrik findet sich in "Frühlingserwachen", traumtänzerische Zartheit im "Chinesischen Garten", drängende Verknappung im Titelgedicht "Sternbildsonate", Wohlklang und Harmonie schliesslich in "Spät im Jahr". Florian Kiesewetter beweist auch "längeren Atem", etwa in "Des Richters Urteilsspruch" und im "Wassermann".
Dies alles weckt Erwartungen. Die werden durch die Website natürlich noch nicht erfüllt. Natürlich nicht, da müssen schon neue Werke her!
Unsere ausführliche Rezension auf dem Literaturmarkt.
[Arnshaugk Verlag 2009]
von Tobinia um # 12:46 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Montag, 03.08.2009
Jean-Luc Benoziglio: Louis Capet, Fortsetzung und Schluss
In Frankreich wird Ludwig XVI nicht guillotiniert, sondern in die Verbannung geschickt. Der 1941 geborene Walliser Jean-Luc Benoziglio, der seit 1967 in Paris lebt, macht daraus einen höchst vergnüglichen Roman. "Louis Capet, Fortsetzung und Schluss" erhielt denn auch den Prix Michel Dentan 2005 und den Prix des Auditeurs de la Suisse Romande 2006.
Mit unerhörter sprachlicher Sorgfalt, aber auch mit königlichem Schreibvergnügen führt Benoziglio durch die seltsamen Szenerien dieser Verbannung in Saint-Saphorien. Möglicherweise der erzählerische Höhepunkt des helvetischen Umgangs mit Louis Capet ist das Fondue, ein Stück, das auch bei Benoziglios Auftritt in Hamburg 2009 vorgelesen wurde. Mehr darüber im Bericht über diese Veranstaltung.
Gekonnt: "Ist das (Schweiz) denn ausser den Söldnern auch ein Land?" Und genauso das "Gespräch" zwischen dem Lehrer Fontanet und Louis Capet, der irgendwas Belangloses einwirft. Oder die Wortspielerei mit den Schlössern, in denen sich Capet eigentlich auskennen müsste.
Die ganze reaktionäre Ultra-Garde tritt auf, von Burke über de Bonald und de Maîstre bis Haller (der später in den Dienst der Bourbonen tritt), nur: Capet kennt sie alle nicht. Der Schweizer Jacques Mallet du Pan kommt aus England und schenkt dem einstigen König einen Plumpudding, ohne viel Wirkung zu erzielen.
Welch ein Lesespass!
[Verlag Die Brotsuppe 2007]
von Tobinia um # 08:47 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Montag, 27.07.2009
Giuseppe Tomasi: Ein Literat auf Reisen
Ein wahrhaft fürstliches Lesevergnügen: Von Giuseppe Tomasi sind rund 30 Briefe im Buch "Ein Literat auf Reisen" ausgebreitet, die der Fürst von Lampedusa und Herzog von Palma und Palermo in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfasst hatte. Sie sind auf Hotelpapier geschrieben,
Tomasi liess hier nicht nur seinem bemerkenswerten Sprachvermögen und seiner Beobachtungsgabe freien Lauf, sondern auch seiner Spott- und Necklust. Er war unterwegs in London, Paris und anderen Städten, die er treffend charakterisiert und wo er Persönlichkeiten trifft und natürlich wiederum gekonnt schildert.
Viel Ernst findet man in diesen lockeren, von gutem Geschmack zeugenden Dokumenten nicht, anders als im posthum erschienenen Werk "Der Gattopardo", der ja ein Welterfolg wurde und mit prominenter Besetzung verfilmt wurde - alles nach Tomasis Tod, aber seine schmerzliche Lebenserfahrung wiedergebend.
Vgl. unsere ausführliche Besprechung auf dem Literaturmarkt.
[Piper 2009]
von Tobinia um # 09:23 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 05.07.2009
Lars Gustafsson: Frau Sorgedahls schöne weisse Arme
Anders als Per Olov Enquists "Ein anderes Leben" ist Gustafssons neuer Roman "Frau Sorgedahls schöne weisse Arme" keine Gesamtschau auf ein ganzes Leben, sondern eine fokussierte Rückblende. Der Roman bringt, was sich viele von Literatur überhaupt erhoffen: Einblicke in eine erlebte Welt, die ein Stück weit nun auch unsere sein darf.
Einquist hatte in seinem memoirenhaften Werk seinen Freund Gustafsson mehrmals erwähnt, umgekehrt gab es das Sinngemässe nicht. Strindbergh taucht bei Gustafsson auf, Beaudelaire, sogar Papst Benedikt, aber nur Andeutungen führen zu Enquist, etwa von den Erweckungsbewegungen die Rede ist, oder ganz kurz bei Kapitän Nemo natürlich. Keine langen Vatergeschichten hier.
Der Spannungsbogen führt von Anfang an zu Frau Sorgedahl. Überaus reizvoll übrigens, wie Gustafsson immer wieder Anlauf holt, um dorthin zu denken. Sehr hübsch gelingen die Passagen mit der Tochter des Giessers - das ist gekonnt gehandhabte Sprache, die Gustafsson eigen ist.
Das Leben, so liest man, ist zwar grundsätzlich langweilig, aber: "Es gibt keine leeren Käselöcher im Bewusstsein. Und deshalb ist die Langeweile des Lebens keine Eigenschaft des Lebens. Sie ist etwas, was wir mit ihm machen." Der Schriftsteller deutet sein Leben in der Welt, wobei der klar gesteht: "Ich bin ein glücklicher Mensch".
Alles beginne überall, schreibt der grosse Schwede. Es gebe keine besondere Stelle, die den Anfang darstelle. In diesem Zusammenhang bringt Gustafsson das Möbiusband ins Spiel. Früh Erlebtes ist oft näher als später Erfahrenes. Das Buch führt stark in die Tiefe, etwa, wenn von der Einsamkeit die Rede ist. Von der Einsamkeit des Menschen, der in einer meist feindlichen Welt etwas zu beschützen habe. Da gäbe es einen spannenden Weg zu Rilkes Einsamkeit zu gehen.
Einmal entdeckt Gustafsson einen Riss, der in ihn selbst hineinzuführen schien. Wendungen dieser Art gehören zu Gustafssons Sprache. "Risse" gab es schon im Titel seiner grossen fünfteiligen Romansammlung: "Risse in der Mauer".
"Der freie Wille ist in das Schicksal eingebaut", folgert der Philosoph Gustafsson aus den Erkenntnissen der Griechen. Wie anregend doch dieses Buch ist, und wie schön, dass der Philosophieprofessor Gustafsson als Autor nie ins ermüdend Belehrende verfällt. Das macht das Buch so herrlich leicht. Es ist ein Buch, das an die Spitze gehört, nicht nur an die Spitze irgendwelcher Listen. Das sei eines seiner besten Bücher, schreibt das Licht_sei_sein_Los_Bog.
Genial sind die anekdotisch anmutenden Erzählungsteile etwa jene über die Orgelreparatur. Sie bilden das grosse Vergnügen in diesem grossartigen Roman. Dazu gehört die zitierte alte Figur mit dem Thema Zeit, das Gustafsson interpretierend in den Roman hinüberzieht.
[Hanser 2009]
von Tobinia um # 15:30 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Mittwoch, 24.06.2009
Bettina Szrama: Die Giftmischerin
Die Spannung ist bei diesem Historischen Roman gegeben: 1831 wurde Gesche Margarethe Timm in Bremen hingerichtet, weil ihr 15 Giftmorde nachgewiesen werden konnten. Geboren wurde sie 1785, mit dem Schwert bestraft 1831.
Nun wollte Bettina Szrama nach eigenen Aussagen damit "unterhalten", nicht etwa werten. Ob ihr die Unterhaltung gelungen ist, mögen viele bezweifeln. Die Sprache ist zu banal, dem Lektorat sind zu viele harte Grammatikfehler entgangen und gerade kreativ wird man den Roman nicht nennen dürfen. Es finden sich zwar einzelne gute Wendungen in diesem Buch, aber Unterhaltung bietet es trotz Süsslichkeit und Sinnlichkeit wohl kaum.
Dafür ist der Roman durchwegs verständlich geblieben, die Handlung vollzieht sich linear, Sprünge gibt es keine. Eine klare Geschichte, Mord um Mord.
Weshalb es im Schlusswort noch zur verfehlten Diagnose kam, Gesche sei schizophren gewesen, bleibt schleierhaft. Etwas Umfeld hätte dem Buch besser getan, man vernimmt zwar etwas über Kotzebue, hört vom Bruder, der Napoleons Feldzug nach Moskau mitmachte und verwundet wurde, aber einen vollends tauglichen Hintergrund lässt das Buch leider vermissen.
So bleibt eine substanziell interessante Folge von Beziehungen und Verfehlungen, die sich auf die Aufzeichnungen Vogets 1831 stützt. Aber wirklich gepackt haben diese 322 Seiten nicht, auch wenn sich etwas Spannung aufbaut.
[Gmeiner 2009]
von Tobinia um # 07:37 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Freitag, 19.06.2009
Andrej Kurkow: Picknick auf dem Eis
Als Identifikationsfigur dient in diesem Roman der Titelheld Viktor, der (wie der 1961 geborene Autor Andrej Kurkow auch) in Kiew lebt und eine Familienatrappe um sich stellt: mit Sonja, Nina und dem Pinguin. Man geniesst die Selbstverständlichkeit dieses seltsamen Lebens mit Nekrologen, Begegnungen und Mafia-Hintergrund. Und freut sich über den leisen Humor.
"Besser nichts wissen, aber leben", liest man da. Die Szenerie ist unwirklich wie vieles in den Oststaaten, Kurkow als Russe weiss Bescheid. Er kennt die Wirklichkeit, weiss aber auch, dass Träume mehr sind als Wirklichkeit.
Im Roman "Picknick auf dem Eis" ziehen ungelöste Rätsel durch das Buch, und am Schluss kommt ein einziger Satz, der einen treffen muss. Dieser einzige Satz ist schuld, dass man nach Lektürenschluss erst richtig zu sinnieren beginnt - ein anregendes Buch also, das vieles gut versteckt und von der stillen Seite her packt.
[Diogenes 2000]
von Tobinia um # 10:53 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Donnerstag, 11.06.2009
Meinungsmarkt für Bücher
Es gibt Bücher über das Internet. Und umgekehrt: Websites, die eine Plattform bieten für die Buchwelt, die nach wie vor die Lesewelt zu packen vermag.
Das Literatur-Forum beispielsweise bietet eine gute Gelegenheit für literarische Diskussionen. Das Forum, das eine Registrierung voraussetzt, wird sehr rege benützt. Geboten werden ausser Buchbesprechungen auch eine Vielzahl ergiebiger Links. Geschaffen wurde die Website von der ForumFactory (Inhaber: Carsten Grentrup) in Bad Dürkheim.
Als literarischer Markt für Buchbesprechungen gibt sich der Literaturmarkt. Er versteht sich als "Informationsdienst für Buchhandel, Medien und Lesepublikum". Hier kann man nicht nur Bücher zur Rezension anmelden - eine Sache des Buchmarketings also -, sondern auch sich selber als Rezensenten anbieten. Der Literaturmarkt ist 2001 aus ixlibris.de hervorgegangen. Hinter dem Online-Auftritt steht die Brentano-Gesellschaft in Frankfurt am Main.
Für Romane, aber auch Werke über die Sprache und die Medien ist der Lesertreff von Patrick Fiekers, Münster, gedacht.
Eselsohren heisst das Online-Büchermagazin von Werner Peter Schulze, Wien. Diese Website informiert über lesenswerte Bücher, nicht ab Klappentext, sondern frisch ab Lektüre. Zu lesen sind auch Rezensionen in Form von Gastbeiträgen.
Klar auf Autoren ausgerichtet ist die Schreibszene, betreut von einer Geschäftsleitung mit Cathrin Moser und Fatima Vidal. Hier werden auch Textkurse angeboten, und man kann Bücher zur Besprechung anmelden.
Dann gibt es noch die Miklitz-Buchbesprechungen, die sich mit Literatur und Sprache beschäftigen. Verantwortlich zeichnet Günther Miklitz in Bonn.
Und schliesslich ist noch das Universalgenie erwähnenswert, auch wenn es sich in keinem Impressum zu erkennen gibt. Der URL entsprechend gibt man sich breit, behandelt wird "Allgemeines", aber auch Literatur.
von Tobinia um # 11:50 in Bücher | 1 Kommentar | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 07.06.2009
Per Olov Enquist: Ein anderes Leben

Es ist ein aussergewöhnliches Buch, was der 1934 geborene grosse Schwede Enquist auf den Tisch legt. Zumindest muss man sich erst einmal an die dritte Person gewöhnen, in welcher diese lebenslange Suche beschrieben wird. Je besser man Enquist dabei kennen lernt, desto ungewöhnlicher wird dieses Er.
Die persönliche Note ist überaus stark und intensiv, in seiner enthüllenden Form auch typisch skandinavisch. Zu typisch, werden viele sagen, welche seine Auseinandersetzung mit dem eigenen Sex etliche Seiten zu lang und unnötig finden. Man kann auch nicht leugnen, dass Enquists Leben unter anderem einige Dutzend langweilige Seiten durchstanden haben muss, wie man nach einem Drittel Buchlektüre erkennen wird.
Dem steht der eindrückliche grosse "Schlussteil" gegenüber, mit dem Durchstehen der Alkoholsucht bis ins Jahr 1990, zu jenem Zeitpunkt, da ihm ein zweites Leben geschenkt wird, eines ohne Alkohol. Den Leser beschenkt dieses zweite Leben mit Glanzstücken wie "Kapitän Nemos Bibliothek", das im Buch immer wieder erwähnt wird.
Für den treuen Leserkreis wichtig werden die Aussagen, die mit einzelnen Werken verknüpfen und diese in den biografischen Kontext stellen. Das reicht vom "Besuch des Leibarztes" über "Das Buich von Blanche und Marie" bis zu "Kapitän Nemos Bibliothek". Da rücken das Erlebnis Broadway und die Theatersequenzen ("Tribaden") weit nach vorne. Auch hier wird kein Tagebuch durchgeblättert. Man erlebt vielmehr das Sinnieren des Autors, und das in einem sehr ausführlichen Text, der mit Zweifeln und Fragezeichen laufend die weiteren Schritte behindert.
"Enquist", schrieb Volker Behrens am 12. Mai 2009 im "Hamburger Abendblatt", "schreibt sinnlich, nachdenklich, auch immer mal wieder humorvoll über seine Erlebnisse."
Ein feiner Humor durchzieht tatsächlich viele Passagen, erfreulicherweise. Enquist schildert seinen Vater, wie er ihn erlebt nach dessen frühen Tod. Schön auch die einprägsamen Blicke auf die Mutter, auf die von konsequenter Erziehung mitgegebene Tradition, auf den netten Jungen Per Olov, der später seinen Glauben wegstudiert.
Dazu kommen die vielen Begegnungen, am häufigsten mit Gustafsson, nur selten mit Hamsun, Laxness, etwas versteckt auch mit Ibsen und Strindberg. Zweimal wird der zeitgeschichtliche Hintergrund deutlich, und damit auch die Rolle oder eben Unrolle Enquists: die Begegnung mit Leuten der RAF und das Blutbad an der Olympiade in München. Buchentscheidend sind sie trotzdem nicht. Das Buch ist ein lesenswertes Werk nicht über Enquist, sondern über die Person, wie sie Enquist sieht.
[Hanser 2008]
von Tobinia um # 16:24 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Dienstag, 26.05.2009
Daniel Kehlmann: Ruhm
"Ein Roman in neun Geschichten", so lautet der Untertitel dieses schmalen Bändchens, das Daniel Kehlmann scheinbar mühelos auf den Lesermarkt schob. An sich bieten die Teile dem Gelegenheitsleser die Chance, jeden Abend eben nur portionenweise etwas zu sich zu nehmen. Aber wer zu sehr zerstückelt, wird möglicherweise verpassen, dass jede Geschichte in die andere greift und sich die Figuren feixen und necken.
Unter der Tarnkappe einer jederzeit verständlichen Sprache schiebt sich so ein Verwirrspiel unter, das die Lektüre zum Vergnügen macht. Es sind zwar nur gut 200 kleine Seiten, aber sie bergen eine eigene Welt. Nicht spektakulär, aber faszinierend. Überraschend im Wechsel der Sprache, auch des Tempos. Ohne Zweifel wird man beim Computerfreak schneller lesen als sonst, und sich dann zurückfallen lassen.
Für viele ist "Ruhm" so etwas wie ein Rückwärtseinstieg zu seinem früheren Werk, etwa zur "Vermessung der Welt", einem Bestseller, der grosse Begeisterung auszulösen vermochte. "Leicht, geistreich und zugleich witzig", schreibt etwa Andi Meyer in seinem literarischen Blog Text-Spot.
[Rowohlt 2009]
von Tobinia um # 19:48 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 24.05.2009
Text-Spot - für den literarischen Appetit
Er macht mit seinem Text-Spot ähnliches wie wir mit unserem Buchzeichen: Andi Meyer in Therwil (CH). Per Zufall erfuhren wir von seiner "blogistischen Unruhe" weit über die Baselbieter Heime hinaus, und so lasen wir die Rezensionen dessen, was er sich - Buch um Buch - zu Gemüte führte.
Die Rezensionen sind offen und ehrlich, deshalb eine Hilfe beim Auswählen der nächsten Lektüre abends. So würden wir Mary Hoppes "Schwester der Zuckermacherin" eher meiden, um dann umso begeisterter Stanislaw Lems "Rückkehr von den Sternen" vornzunehmen. Da spürt man die Begeisterung des Lesers förmlich heraus, eines Physikers wohlverstanden, der von den Zeitgeschichten ja schon einiges weiss, wenn auch nie alles.
Daniel Kehlmann komt mit seiner "Vermessung der Welt " - nicht ganz überraschend - sehr gut weg. Viele lesen sich ja nach dem "Ruhm" nun rückwärts durch das Schreibwerk dieses Österreichers, der ohne Zweifel eine aufmerksame Lektüre wert ist.
Gut gemachtes Blog - weil schnörkellos und direkt. Auf den Punkt gebrachte Wertung aus Lesersicht.
von Tobinia um # 17:04 in Blogs | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Montag, 18.05.2009
Siegfried Lenz: Schweigeminute
von Tobinia um # 16:35 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Sonntag, 17.05.2009
Klaus Merz: Jakob schläft

Es kann niemanden verwundern, dass Klaus Merz, 1945 in Aarau geboren, für "Jakob schläft" den Hermann-Hesse-Literaturpreis erhalten hat. Was sich so "kurzfutterig" auf 83 Seitchen anbietet, erweist sich in der aufmerksamen Lektüre als Werk von beachtlicher Dimension. "Eigentlich ein Roman" hatte der Autor als Untertitel dazu geschrieben, und Peter von Matt erklärt es im Nachwort sehr schön mit "Zoomen". Sein Beitrag wurde seinerzeit als Laudatio gesprochen, als Merz den Gottfried-Keller-Preis entgegennehmen konnte.
Die Absätze sind kurz, die Sprachformen knapp. So ergeben sich Sätze von ohem spezifischem Gewicht, und Passagen von sehr schnellem, gekonntem Schnitt. Das erzeugt Pointiertheit und Humor auch im Grenzbereich dessen, was man erwarten würde. "Nur das kranke Auge blieb trocken", sagt er vom Mädchen, das seit seinem Unfall ja nur noch ein Auge hat.
[3. Auflage, Fischer 2007]
von Tobinia um # 14:12 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Mittwoch, 06.05.2009
Schweizer Abend in Hamburgs Literaturhaus
Gelungener literarischer Auftakt zum Hamburger Hafengeburtstag 2009, an welchem sich das Gastland Schweiz präsentiert. Im Literaturhaus am Schwanenwik moderierte NZZ-Redaktor Roman Bucheli einen überaus lockeren, stimmungsvollen und vor allem anregenden Leseabend.
Die Tessinerin Anna Felder, die Bucheli als die wohl poetischste Autorin der Runde vorstellte, zog mit ihrer faszinierenden Sprachvirtuosität die Zuhörerinnen und Zuhörer in ihren Bann. Welch ein Umgang mit Worten und Sätzen, welch ein Ausdruck in diesen Passagen von "No grazie"! Das allein hätte schon einen Besuch an der Aussenalster längst gerechtfertigt. Ihr Buch erschien im Limmatverlag.
Übrigens: Vor kurzem hat das Schweizerische Literaturarchiv in Bern das Archiv Anna Felders erworben. Dieses umfasst u. a. Arbeitsfassungen von Romanen und Erzählungen, Manuskripte, Briefe, Kritiken und persönliche Dokumente.
Vor ihr las der Unterengadiner Oscar Peer vor, aus "Das Raunen des Flusses" - frische, feste Ausdrücke, die treffen, was Peer meint. Das Buch, sehr klassisch diesmal in seinem sprachlichen Ausdruck, erschien ebenfalls im Limmatverlag.
Verspielt dagegen Jean-Luc Benoziglio, der Welsche unter den anwesenden Autoren, mit erlesenem Humor und wortgewandt an jeder Stelle. Von ihm hörte das Publikum aus "Louis Capet, Fortsetzung und Schluss" jene umwerfend hübschen, spitz formulierten Abschnitte über das Fondue und die Verweigerung Capets. Der ohne Zweifel lesenswerte Roman kann beim Verlag Die Brotsuppe bestellt werden.
Den Abschluss machte Silvio Huonder, der Autor von "Dicht am Wasser", der aus "Dinida" einige Ausschnitte zum besten gab - beide Werke wurden vom Verlag Nagel & Kimche verlegt.
Das Publikum, darunter Generalkonsul Walter Kägi, genoss sichtlich die Nähe der Autoren und die Chance, neue Bucherlebnisse kennen zu lernen.
von Tobinia um # 13:50 in Veranstaltungen | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Samstag, 18.04.2009
Brigitte Rossbeck: Zum Trotz glücklich

Wer die Bedeutung Caroline Schlegel-Schellings für die Literatur der Romantik bereits kennt, für den bietet das Buch "Zum Trotz glücklich" von Brigitte Rossbeck, eine willkommene Ergänzung und Vertiefung. Mit unglaublicher Akribie hat die Autorin das schillernde, schwierige Leben der geborenen Caroline Michaelis nachgezeichnet, die von 1763 bis 1809 lebte.
Das Beziehungsnetz war höchst komplex und in etwa so verwirrlich, wie die Lebenskarriere der Caroline winkelreich war. Umso grösser die Leistung Brigitte Rossbecks. Im Umfeld von Persönlichkeiten Schellings und der Brüder Schlegel, auch Goethes ergibt das faszinierende Scheinwerferkegel. Dahinter steckt harte Archivarbeit.
Aber eben: Wer nicht von der Literatur her kommt und ohne Kenntnisse der Romantik zu diesem Buch greift, wird eine Art "geköpfte Figur" erleben. Etwas, was seltsamerweise zum ungewohnten Titelbild passt.
Beziehungen, Umzüge von der einen Stadt in die andere, das Auf und Ab nach der Revolutionseuphorie, das ist das eine. Die für eine Frau von damals bemerkenswerte Wirkung in der geistig-dichterischen Auseinandersetzung ist das andere - und hier blieb die Autorin leider zu wortkarg.
Dazu kommt ein leidiger Mangel in der Sprache dieser Biografie: Die Sätze sind nicht linear aufgebaut, ihr Sinn erschliesst sich oft erst mit dem letzten Wort. Das ist deshalb ärgerlich, weil diese stilistische Eigenart das Mitdenken immer wieder blockiert, auch wenn man es gewohnt sind, schwierig gebaute Sätze als Ganzes aufzunehmen.
[Siedler 2008]
von Tobinia um # 17:28 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Anka Muhlstein: Der Brand von Moskau
Das Buch der französischen Historikerin Anka Muhlstein, die in New York lebt und schon mehrere umfassende Porträts geschrieben hat (Katharina von Medici, Elisabeth und Maria Stuart), ist ein wahrer Glücksfall. Es ist kein historischer Roman, es ist ein Geschichtswerk, aber sehr lebhaft dargestellt und vortrefflich in der Interpretation.
Der Russlandfeldzug von 1812 wird so detailreich präsentiert, wie es für den interessierten Leser von Interesse ist: zu den Ereignissen die anregende Auslegung aus der Sicht der einordnenden Historikerin, und alles mit der Eleganz einer Autorin, die sich souverän durch einen gewaltigen Stoff gearbeitet hat.
Das ist nicht nur für die handelnde Ebene "ganz unten" sehr aufschlussreich, also dort, wo sich der Soldat mit all seinen Leiden und auch Eskapaden über die Runden zu bringen versucht. Das Buch ist genauso wichtig in Bezug auf die Hauptfigur selber, es zeigt Napoleon im Dilemma der brennenden Stadt Moskau, zögernd, ohne Führungswillen der Truppen gegenüber. Auf der Gegenseite der Zar, auch nicht ohne Nöte und Probleme, wie man erfährt.
Die Handlung vor Ort wird, so plastisch nah sie zu greifen ist, zu jeder Zeit grossartig eingebettet in den Beschrieb der Politik und auch der strategischen Erwägungen Napoleons. Ein überaus wertvolles, auch überraschendes Buch, wenn man an die vielen Szenerien denkt, an die Plünderungen, die Kleidung und die Verpflegung, das Fehlverhalten vor dem Rückmarsch.
Es fehlt nicht an Literatur über die Revolutions- und die Bonaparte-Zeit. Auch die Werke über den Feldzug 1812 füllen bereits Regale, man denke nur an die biografisch angelegten Bücher und an Erinnerungen (etwa an die Schlittenfahrt des Kaisers). Aber das, was Anka Muhlstein hier vorlegt, figuriert im Spitzenfeld. Ihr Geheimnis scheint eine gute Kombination zu sein: klare Übersicht auf der einen Seite, substanzreiche Detailbeschreibung auf der andern.
[Insel 2008]
von Tobinia um # 17:06 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Freitag, 17.04.2009
Martina Kempff: Die Marketenderin
Martina Kempff ist in diesem Buch nicht nur als Autorin engagiert, sondern auch als Verwandte. Denn die Marketenderin Auguste Juliane Assenheimer, um die es geht und die auf dem Napoleonfeldzug nach Moskau begleitet wird, ist ihre Urururgrossmutter.
Nun zeichnet Martina Kempff also das grosse Abenteuer der Marketenderin nach, insovern konventionell, als der Roman linear abfolgt und keine grossen Sprünge vollführt. Kapitelweise folgen sich die Tagebuchnotizen Johannes Gerters und die Romanpartie dazu. Das macht das Werk so leicht nachvollziehbar, wie es auch verständlich in Bezug auf die Personen und ihre Handlungen ist. Wie in Lukas Hartmanns Buch über "Die letzte Nacht der alten Zeit" steht der Personenkreis "wie ich und du" im Vordergrund, was die Geschichte von damals leicht nachvollziehbar macht. Auch hier geht es nicht um das Spektakuläre, sondern um den Alltag in der damaligen, allerdings recht bewegten Zeit.
Mehr im Hintergrund und nur sehr knapp werden die Pläne Bonapartes und die Auftritte der weiteren grossen Anführer, auch die Routen der grossem Teile der Grande Armée und das Räderwerk der hohen Diplomatie zu erkennen. Damit wird klar, dass man im Grunde genommen beides vor sich haben müsste, die klassischen Historikerwerke, die in reichem Masse verfügbar sind, und eben die Hier-und-jetzt-Berichte wie jenen von Martina Kempff.
Aber viele unter den Leserinnen und Leserinnen verfolgen gar keine Geschichtskundlerinteressen, wenn sie in dieses Werk eintauchen und einfach einer interessanten Erzählung folgen wollen. Das ist ihr gutes Recht, und sie kommen auf ihre Rechnung.
Nun ist "Die Marketenderin" zwar ein historischer Roman, geniesst also entsprechende Gestaltungsfreiheit, aber das Buch stellt die Figuren in einen überzeugenden Rahmen und bietet in keiner Phase einen Grund für Zweifel. Der Leser wird es erleben wie der Zuschauer, der auf der Bühne das Gespielte deshalb "glaubt", weil die Schauspieler nicht aus ihrer Rolle fallen.
Die Assenheimer ist nicht die einzige Frau, die als Marketenderin dem französischen Aufgebot gefolgt ist. Sie ist auch nicht die einzige, die als solche Gegenstand von Aufsätzen geworden ist. Man erinnere sich an die Luzernerin und einstige Marketenderin Katharina Peyer, deren Russlandnotizen schon wiederholt ausgewertet worden sind, wenn auch nie so umfassend. Beiträge zum Frauenbild von damals sind wertvoll. Sie machen, auch wenn es in Romanform geschieht, das Manko ein Stück weit wett, dass die mämnlich dominierte Geschichtskunde hinterlassen hat.
[Piper 2008]
von Tobinia um # 11:23 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden
Donnerstag, 16.04.2009
Lukas Hartmann: Die letzte Nacht der alten Zeit
In seinem Buch über "Die letzte Nacht der alten Zeit" führt Lukas Hartmann drei Lebenssequenzen zusammen, denen die Not des bernischen Untergangs 1798 gemeinsam ist. Historisch bringt der Roman nichts Neues - dass der abgesetzte reaktionäre Schultheiss Niklaus Friedrich von Steiger im Gefecht von Grauholz herumstand, ohne irgend etwas zu bewirken, kann man seit 1931 im HBLS nachlesen. Aber das ist ja auch nicht der Hauptzweck eines historischen Romans, der sich eher von der Geschichte einfach alimentieren lässt.
Weniger einfach ist die Frage, ob der Mief jener trostlosen Zeit auch konsequent miefig darzustellen ist. Man könnte ja auch mit modernen Sätzen der Untergangsstimmung nachgehen und nur die Zitate so alt lassen, wie es etwa Conrad Ferdinand Meyer in seinen altertümelnden Texten gemacht hätte. Meyer hat dadurch fast niemanden mehr gepackt und sich so den sicheren Weg zum Vergessenwerden gebahnt. Das ist bei Hartmann weder gut noch schlecht, er zeigte sich einfach konsequent und mutig.
Hartmanns Schreibe geht den geraden Weg - er blieb auf der volksümlichen Fährte, auch wenn man Volkstümlichkeit und Bodennähe anders hätte ins Buch schreiben können. Dabei hat es nicht an Verführungen gefehlt, etwa in die Staatswelt des nahen "Restaurators" Karl Ludwig von Haller abzuschwenken, dessen grosse Zeit erst später kommt und der genauso in einer Sackgasse endet wie Steiger.
Nahe beim leidenden Volk, das nicht agiert, sondern als Menge befohlen und auch im Stich gelassen wird - das ist eine schöne Leistung dieses Buches. Der Autor hätte dabei zwar nicht mit dem Strohhalm durch die Decke den schwachen Schultheiss stüpfen müssen, um echt zu wirken, und er hätte mit seinem Geruchsemissionen auch nicht unsere Nasen so plagen müssen, dass wir nach gehabter Lektüre das Umfeld des Ancien Régime vor allem als stinkend empfinden. Aber auf jeden Fall bietet der Roman begreifbares Anschauungsmaterial, um Einblick in eine wichtige Zeit zu gewähren. Wichtig waren vor allem ausländische Mächte, aber wichtig waren sie für die Opfer in der zerstrittenen Schweiz.
An die Fastdoubletten, die sich durch das Bündeln von drei Lebenswegen fast zwangsläufig ergeben, muss man sich erst gewöhnen. Man wird aber durch starke Stimmungsbilder belohnt, die mehr an jenen Stellen stark wirken, in denen die Beschreibung offen bleibt. Steigers und Dubis Schicksale enden mit klarer Kante, nicht aber das der bedrängten Maria. Ihr Weg führt - wahrscheinlich - zum Haus des Geliebten, ohne dass jemand das Ende definiert. Das ist gut gelungen - und erstaunlich insofern, als der Autor ja die Neugier des Lesers just mit dieser Frage zum Ende des Buches hinzuführen schien. Siehe Umschlagbild, das sich auf das Gemälde "The Emigrant" (1858) von Paul Falconer Poole stützt.
Fastdoubletten: In ihnen liegt ein besonderer Reiz. Trotzdem eine Frage dazu: Ist die Inkongruenz der jeweils drei wirklich stark genug, dass für den Leser auch etwas herausspringt?
[Fischer 2009]
von Tobinia um # 20:20 in Bücher | Kommentieren | TrackBack (0) | Artikel versenden